15 April, 2017

Zärtliches Licht

Ballhaus, RWF: Dreharbeiten zu MARTHA (1974).

Für den Tagesspiegel habe ich eine kleine Widmung für Michael Ballhaus geschrieben, der am Mittwoch leider verstorben ist. Seine Filmografie enthält einige der besten Filme seiner Zeit, darunter MARTHADIE EHE DER MARIA BRAUN,THE COLOR OF MONEY, BROADCAST NEWS und GOODFELLASDas im Text erwähnte Revolver-Interview, das ich 2001 zusammen mit Hans Steinbichler geführt habe, kann man hier nachlesen.

12 April, 2017

Spiele & Regeln

Am Samstag, den 6.05.2017 um 21h wird im Zuge einer Werkschau im Arsenal der halblange Film ROSALINDA (Arg. 2010) von Matías Piñeiro gezeigt. Im Anschluss gibt es ein Revolver Live! (58) mit dem Regisseur, das ich zusammen mit Nicolas Wackerbarth moderiere. Titel des Werkstattgespräches: „Spiele & Regeln”.



Birgit Kohler schreibt im Arsenal-Programm:
 Die Filme von Matías Piñeiro verbinden auf stilistisch eigenwillige und unverkennbare Weise die Kunst des Films mit anderen Künsten wie Theater und Literatur. Seit 2010 arbeitet Piñeiro an einem ungewöhnlichen Projekt: In seinen mittlerweile vier wortreich-beschwingten Shakespeare-Variationen versetzt er Frauenfiguren, Themen, Stimmungen und Dialoge aus Shakespeares Komödien sowie deren komplizierte Beziehungsreigen in gegenwärtige Lebenszusammenhänge in Argentinien oder New York – während in seinen ersten beiden Filmen die Bücher des argentinischen Schriftstellers und Politikers Domingo Faustino Sarmiento (1811–1888) eine große Rolle spielen. Stets geht es um einen Freundeskreis von Mittzwanzigern bis Mittdreißigern, der etwas abseits der Gesellschaft lebt und sich intensiv der Literatur, dem Schauspiel oder der Musik widmet. Immer stehen Frauen im Vordergrund und es wird viel und schnell gesprochen. In allen Filmen tritt nahezu das gleiche Ensemble auf. Die Tonlage ist heiter, verspielt, und auch bei heiklen Konstellationen und Gefühlslagen bleibt eine dramatische Zuspitzung aus. Sprunghaft wie die Charaktere ist auch die Erzählstruktur, das Tempo umwerfend, die Kameraführung brillant und die Choreografie von Figuren und Gesten ungemein präzise.”

05 April, 2017

Das Fahrrad

Die Bescheidenheit meiner Großmutter war die Zier, auf die man sie ein Leben lang reduziert hat. Sie muss früh verlernt haben, 'Ich' zu sagen. So blieb ihr langes, über weite Strecken auch entbehrungsreiches Leben unerzählt. Wenn ich sie fragte, wie es war, als die Elektrizität in das kleine chiemgauer Dorf kam, zum Beispiel - betonte sie stets, dass das, was sie erlebt oder mitangesehen hatte, „nichts besonderes” gewesen wäre. Zum Erzählen fühlte sie sich nicht ermächtigt. Heute wäre mir womöglich das, was sie nicht sagte, beredt genug. Damals habe ich nach Worten gehungert. Das Wenige was ich über sie weiß, verdanke ich der anekdotischen Überlieferung meiner Mutter. Darunter auch die folgende Geschichte.

Meine Großmutter, von allen Schreinerin genannt, war während des Krieges in einer schwierigen Lage. Ihr Mann war an der Front, die Tischlerei fiel als Einkommensquelle aus. Die Kinder waren klein. Die einzige Möglichkeit, hin und wieder etwas zu verdienen, war die Aufzucht von Gänsen im eigenen Garten sowie Aushilfstätigkeiten auf den umliegenden Höfen. Als Bauerstochter wusste sie sich nützlich zu machen. Weil die Höfe im weiteren Umkreis lagen, war das Fahrrad ihr wertvollster Besitz. 

Gegen Ende des Krieges wurde ihr Mann als verschollen gemeldet. Niemand hat ihn sterben sehen, aber sein Regiment galt als „aufgerieben”. Dennoch: in den Jahren die folgten, bis weit nach Kriegsende, schien eine Rückkehr jederzeit möglich. Viele andere Männer kehrten nach und nach aus der Gefangenschaft zurück. Das Prinzip Hoffnung war nicht zuletzt auch Ehrensache. Und so kam es, dass meine Großmutter ihr eigentlich unentbehrliches Fahrrad am Bahnhof stehen ließ, auf dass der Gatte die 15 oder 20 Kilometer nach Hause nicht zu Fuß würde gehen müssen. Viele Jahre stand das Fahrrad, liebevoll in Stand gehalten, am Bahnhof, in Erwartung. Als die Hoffnung endlich verbraucht war, zehn Jahre nach Kriegsende, hat die Schreinerin ihren Schreiner dann offiziell für tot erklären lassen. 

In der Rückschau, und darin zeigt sich womöglich doch ein Sinn fürs Erzählerische, hat sie das plötzliche Herabfallen eines Bildes von der Wand, ein Porträt ihres Mannes das bis heute einen Sprung hat, als Todesbotschaft gedeutet. Er sei, so lautet die in der Familie übliche Kurzformel, „wahrscheinlich bei Danzig verbrannt”. Aber die Ungewissheit hat nagend einen guten Teil des Lebens meiner Großmutter zu einem Wartesaal gemacht, in dem man nicht Fahrrad fahren konnte.

„Wenn ich Euch Wehe getan habe, verzeiht mir meine Schwäche. Auf Wieder- 
sehen im Jenseits mit der Mutter”
(Auszug aus dem Testament)

Gerade habe ich mit meiner Mutter telefoniert, um die Plotpoints meiner Rekonstruktion oben mit ihrer Erinnerung abzugleichen. Die Unterschiede sind so beträchtlich, dass man von Geschichtsfälschung sprechen müsste, wenn es sich nicht um eine private Angelegenheit handelte.

Es beginnt damit, dass meine Großmutter keine Gänse, sondern Ferkel großzog, paarweise. (Das eine zum Verkauf, das andere zum Verzehr. Geschlachtet hat ein im Haus einquartierter sudetendeutscher Flüchtling.) Der Großvater war im Februar 1945 noch einmal nachhause gekommen, mit einem Auftrag der Wehrmacht in der Tasche, für Tischlerarbeiten. In zwei Wochen wollte er zurück in der Werkstatt sein und mit den Arbeiten beginnen. Er war es, der mit dem Fahrrad zum Bahnhof fuhr und es dort stehen ließ - er wollte ja bald zurück sein. Jedoch er kam nicht und es war auch nicht herauszufinden, wo er war. Die Zeit der Ungewissheit begann. Und ja, das Fahrrad stand weiterhin am Bahnhof und wartete. Wie lange es dort stand, erinnert meine Mutter nicht mehr - wohl eher Monate denn Jahre. Aber sie erzählt, dass sich meine Großmutter bald darauf „ein Damenfahrrad von Miele” kaufte, „ihr ganzer Stolz”. Meine Fahrradpointe geht aber auch deshalb nicht auf, weil der Hof, auf dem meine Großmutter gelegentlich aushalf, der ihrer Schwester war, in unmittelbarer Nachbarschaft. Jedes Weihnachten seien die besten Speisen für meinen Großvater zurückgelegt worden, falls er käme, erinnert sich meine Mutter, die 1945 zwei Jahre alt war. Erst 1952 haben Nachforschungen des Roten Kreuzes ergeben, dass der Großvater wahrscheinlich gefallen ist, bei Danzig. Als meine Großmutter ihn dann für tot erklären ließ, wurde sie dafür von der Verwandtschaft harsch kritisiert. Man bezichtigte sie, sich neu verheiraten zu wollen - nach sieben Jahren des Wartens! Aber sie wollte wohl lediglich einen konkreten Ort der Trauer. Sein Grab ist bis heute leer, aber vielleicht haben sich die beiden ja im Jenseits gefunden, wie es ihr Testament so rührend nahelegt. Geheiratet hat sie nie mehr. Ach ja: auch das Bild ist nicht von der Wand gefallen, und hat keinen Sprung. Das ist ein Fragment aus einer anderen Geschichte. 

Interessant, welche Streiche die Erinnerung spielt, zumal wenn es sich nicht um eigene Erlebnisse handelt, und interessant auch, wie Binnenlogik die Tatsachen beugt,

welche Ursache-Wirkungs-Romanzen sozusagen der Vorgang des Erzählens selbst hervorbringt.

Sinkflug




Als ich anfing, mich für Film zu interessieren, gab es niemanden in Europa, dessen Prestige größer war als das Federico Fellinis. Kritik und Publikum schienen einig, dass dieser Mann „das Kino selbst” sei, und auch wenn das Spätwerk weniger Stimmen auf sich vereinen konnte als die ersten 8 1/2 Filme, blieb er doch ein Gigant, dessen Drehbücher, Memoiren und Skizzenbücher man im filmbucharmen Deutschland überall kaufen konnte. Noch als die ersten Multiplexe gebaut wurden, hiessen die hässlichen, hauseigenen Bars gerne „Fellini” oder „Cinecitta”; auch dort also, wo man seine Filme nie zeigen wollte, schmückte man sich gerne mit seinem Namen. Casaros Kitsch-Paraphrase von Rafaels „Schule von Athen”, die Fellini als Meister aller Klassen zeigte, der die größten (amerikanischen) Stars mit Megaphon in Schach hielt, muss sich damals blendend verkauft haben. Als „Mr. Cinema” dann starb, fragten sich manche im deutschen Feuilleton ernsthaft, ob damit auch das Kino zu einem Ende gekommen sei. Nun, diese Frage hat sich erledigt, und Fellinis Ruf ist, scheint mir, seither im Sinkflug begriffen, was sich vielleicht am klarsten am Misserfolg seiner „Erben” zeigt. Peter Greenaway, Terry Gilliam und Emir Kusturica verkörperten eine Weile höchst erfolgreich bestimmte Aspekte eines felliniesken Kinos, irgendwo zwischen Bilderzirkus und Kinomärchen – und wirken heute reichlich anachronistisch. Greenaway, gefeierte Ikone des referenzgesättigten Konzeptfilms, arbeitet inzwischen multimedial mehr oder weniger unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Gilliam, dessen Konflikte mit den Studios einer breiten Öffentlichkeit einmal als Kampf der Fantasie gegen das Geld schlechthin galten, scheint finanziell und künstlerisch zweite Wahl geworden. Kusturica, der die Palmen, Bären und Löwen bündelweise gewonnen hat, gefällt sich in reaktionären Gesten, als Filmemacher ist er längst abgeschrieben. Und Fellini? Hat sich wieder eingegliedert in die reiche Geschichte des italienischen Kinos, zu deren Zampano man ihn (und er sich) gemacht hatte – und wartet auf sein Comeback. Die Konjunkturen der Aufmerksamkeit sind launisch, aber die Chancen auf eine Wiederkehr stehen womöglich gar nicht schlecht. Nicht nur, weil die Filme das verdient hätten, sondern auch, weil Fellini als Vorbild gebraucht wird. Dem Weltkino heute fehlen Dompteure, die „die Welt entlang ihrer Leidenschaften zähmen” (wie Frieda Grafe einmal geschrieben hat) und in der Arena nicht so sehr für Ordnung als für Leben sorgen…

(Geschrieben am 21.04.2011 für das Revolver Blog)

04 April, 2017

Der traumhafte Weg

Angela Schanelecs schöner neuer Film DER TRAUMHAFTE WEG startet am 27. April 2017 endlich im Kino. Ich kann den Film ganz herzlich empfehlen. Hier gibt es ein kurzes Gespräch zu lesen, das ich mit Angela geführt habe. Bert Rebhandl hat für die neue Cargo ausführlicher mit ihr gesprochen, der Glücksfall eines Interviews, finde ich. So oder so, seht euch den Film im Kino an!

01 April, 2017

Jazz filmen, Film jazzen



Der Traum vom Jazz ist älter als Jazz. Treiben, schweben, jenseits des Plans, im Moment, in der Kunst leben. Davon handelt TOBBY (D 1961) mindestens auf zweifache Weise. Einmal, indem er den Versuch eines Jazz-Lebens dokumentiert, eines Lebens mit und als Jazz, in den Trümmern eines dunkel-schweren Deutschlands, im Berlin der frühen 60er. Und dann, weil er auch als Film wie Jazz sein will: improvisatorisch, provisorisch, jenseits der starren Noten des UFA-Kinos, das damals noch den Ton angab. Hans Jürgen Pohland ist auf Augenhöhe mit seinem Gegenstand, dem Musiker Toby Fichelscher, der sich selbst spielt und so singt, als ginge ihn der Jazz was an. Und der das Telefon klingeln lässt, weil er nicht zum Sklaven einer Karriere werden will, die ihn nichts angeht. Man staunt, wie frisch das heute noch ist: das Versprechen eines (ergebnis-) offenen Lebens, eines freien Spiels. Kein Schloss am Fahrrad, kein Kalender, keine Verabredung über den Tag hinaus. „Wie ein Tier” erscheint Tobby seinen Zuhörerinnen, „versumpft” aber anziehend. Der Film propagiert das, man meint, auch im Regisseur ein bisschen Neid zu spüren, dass Toby sich seiner Kunst so hingeben kann. Hier und da schreckt Pohland davor zurück, selbst ganz Jazzer zu werden, lässt die erwähnten Zuhörerinnen ihre Meinung druckreif aufsagen, einstudierte Steife, um einen Punkt zu machen. Ich will damit nur sagen: vielleicht enthält der Film bereits die Ahnung, dass der deutsche Film so bald nicht Jazz sein würde, auch Pohlands eigene Filme nicht. Aber noch überwiegt der Optimismus. Offene Beziehungen, offene Grundrisse. Warum angesichts der Ruinen nicht auch die überkommenen Formen des Films in Trümmer legen? Aber warum so ernst: der Film ist formal immer wieder auf Scherze aus, schneidet Pointen und Pfeile ins Verité-Programm, einmal ist die Farbe der Witz, das Solo. Natürlich, irgendwann muss der Traum enden, muss der Film enden. Das Ende ist ein (altes) Problem der Moderne. TOBBY hätte immer weitergehen, in Serie gehen müssen. Das ist nicht gelungen. So ansteckend war der neue Rhythmus, so machtlos die alte Form dann doch nicht. Wie schade! Was bleibt, ist ein Was-wäre-wenn, ein Objekt, mit dem sich eine alternative deutsche Filmgeschichte erahnen lässt, nah verwandt mit Jürgen Böttchers JAHRGANG 45 wenige Jahre später, ein weiterer Beweis für eine Zukunft, die es nie gab, aus der anderen Hälfte Berlins.

P.S.:
Heute, am 1.04.2017, wäre Toby Fichelscher 90 Jahre alt geworden. Der Text ist auf Anregung von Mareike Palmeira entstanden. Danke dafür!