16 September, 2017

Doppelprogramm



Noch bis Oktober sind Christian Petzolds DIE INNERE SICHERHEIT (D 2001) und mein dritter Spielfilm UNTER DIR DIE STADT (D 2010) auf Mubi.com zu sehen. Aus diesem Anlass hat Michael Pattison einen schönen vergleichenden Text geschrieben; demnächst folgt ein Gespräch, das Patrick Holzapfel mit Christian und mir geführt hat.

Julia Hummer in DIE INNERE SICHERHEIT (oben), Nicolette Krebitz in UNTER DIR DIE STADT (unten).

12 September, 2017

A Field Guide to the Snowden Files

Gestern (11.09.2017) haben Magdalena Taube, Krystian Woznicki und ich das Buch A FIELD GUIDE TO THE SNOWDEN FILES vorgestellt. Das Projekt, für das ich das Vorwort schreiben durfte, möchte künstlerische (und archivarische) Projekte vorstellen, die sich direkt auf die Snowden Files beziehen und den folgenreichen NSA Leak gewissermassen zum Rohmaterial einer künstlerisch-politischen Praxis machen. 

Seit heute sind die Arbeiten von Zeljko Blace, Andrew Clement, Naomi Colvin, Simon Denny, Evan Light, Geert Lovink, M.C. McGrath, Henrik Moltke, Deborah Natsios, Julian Oliver, Trevor Paglen, Laura Poitras, SAZAE bot, Stefan Tiron, University of the Phoenix, Maria Xynou  und John Young auch in einer Ausstellung im Diamond Paper Studio zu sehen (Köpenicker Straße 96, 10179 Berlin, 12.-26.09.2017).

Die folgende Vorrede ( Vorwort) habe ich gestern in der Buchhandlung König vorgetragen.



DAS VORZEICHEN


Im Theater.
Unsere Geduld wird strapaziert. 
Vorhang Vorhang Vorhang.
Ein Mann kommt auf die Bühne.
Er sagt, die Hauptdarstellerin hätte einen Unfall gehabt, 
sei mit dem Fahrrad gestürzt
und hätte sich das Knie verletzt.
Sie werde spielen, aber man möge ihr verzeihen, 
wenn sie gewissermassen knieschonend spielte.
Dann öffnet sich der Vorhang und die Aufführung beginnt.

Vermutlich ist die Inszenierung nicht anders als sonst,
aber durch das Vorzeichen 
spielt das Knie eine Hauptrolle.
Sobald die Schauspielerin ihr Knie beugt
sind wir in heller Aufregung.

Das nur als Beispiel dafür, 
dass jedes Wahrnehmen 
von Vorzeichen, Vorwissen, Erwartungen geprägt wird
und ein neues Vorzeichen unter Umständen 
die gleiche Handlung in ihrer Bedeutung auf den Kopf stellt,
uns neu sehen lernt.

Snowdens „Vorzeichen” hat unseren Blick auf die Aufführung verändert,
so dass wir beim Anblick der Spieler heute die Hinterbühne mitdenken.

Jeder Vergleich hinkt
wie die Schauspielerin mit dem verletzten Knie
(oder haben wir uns ihr Hinken eingebildet?)
aber die Tatsache, dass wir mehr als vier Jahre später
noch immer an Snowden denken

wenn wir eine Email schreiben
oder den Aufkleber über der kleinen Kamera am Laptop abpulen
oder uns ein neues Passwort ausdenken 
(mit Sonderzeichen oder ohne?) 
oder ein Wort im Text von der Autokorrektur unterstrichen oder ersetzt wird
oder hören, dass am Südkreuz eine Gesichtserkennungssoftware getestet wird 
und Aktivisten Masken tragen, um den Computer zu foppen

zeigt mir, dass Snowden einen Unterschied gemacht hat.

Er hat unsere Gegenwart in ein Zwielicht setzt, das unser Verhältnis zur Maschine
neu beleuchtet, es vielleicht auch hat reifen lassen.

„Die allgemeine Akzeptanz von Verschlüsselungstechnik” habe Snowden 
„um sieben Jahre beschleunigt”, 
meinte der ehemalige Geheimdienstdirektor James Clapper 
– für Snowden ein Beweis für seine Wirkung 
(ob es sich gelohnt hätte, fragen die Journalisten in einem aktuellen Interview).

Sieben Jahre –
so ein Zahlensieg ist in der Kunst rar,
aber ich glaube, das Buch zeigt, wie sich der Schock der Erkenntnis eingetragen hat
in den Spiegel der Gegenwart, der gute Kunst immer ist 
– als ein Riss, der das alte Bild bedroht.

04 September, 2017

Requisiten für ein tragisches Ende


Im Bild: Die erstaunliche Loane Balthasar in der Titelrolle.

Anmerkungen zu Katharina Wyss' DFFB-Abschlussfilm* SARAH JOUE UN LOUP-GAROU (CH, D 2017), der gestern in Venedig Premiere gefeiert hat.


-


Man könnte sagen: ohne Paranoia keine Erzählung. Ohne den Tunnelblick der Leidenschaft, ohne die Lampe, die aller Dinge Schatten in eine Richtung treibt, kann so etwas Anfechtbares wie eine Geschichte nicht entstehen. Sarah möchte ihr Leben selbst beleuchten, und also entscheiden, was im Dunkel bleiben soll. Womit sie zu kämpfen hat sind dabei weniger die Abwehrmechanismen der Anderen, die Sorgen der Eltern, Lehrer oder Geschwister, als die Konkurrenz verschiedener Geschichten oder Lichtquellen. Sie probiert einige aus, sucht lange nach den passenden Requisiten für ihr tragisches Ende und kommt letztlich über romantisches Stückwerk nicht hinaus. Werwolf oder Liebestod? Romeos Dolch oder doch das Märtyrium einer Heiligen? Das ist beinahe ein bisschen egal – und darin liegt gewissermassen der Witz des Films, über den auch die Protagonistin lachen kann. Das großartige an Katharina Wyss’ Film ist diese Transparenz: zwischen dem herbeigesehnten und den wirklichen Gefühlen ist irritierend viel Platz, aber nicht im Sinne eines „Luxusproblems”. Die Empfindsamkeit ist echt, der Vulkan des Unbewussten brodelt, die Gedanken wollen wirklich werden. Was fehlt ist das Vehikel. Wie Sarah wollen wir alle heimlich vom Schicksal regiert werden, würden uns aber nie für das Ergebnis entscheiden. Auch deshalb muss Sarah vom Ende her denken. Wyss’ Film gelingt es, uns zu Zeugen einer Entwicklung zu machen, die an hundert Stellen eine andere Richtung nehmen könnte. Fast scheint es, als würde Sarah gegen eben jene Offenheit ankämpfen, die den Film selbst auszeichnet: sie kämpft gegen die Tatsache, dass ihr Leben aus zu vielen Geschichten besteht, um ein notwendiges Ziel zu haben. Dabei gibt es Spuren des Missbrauchs, eine bedrohliche Nähe zum Vater, die ein weniger klarsichtiger Film mit Sarahs Sehnsucht kurzgeschlossen hätte. Aber Wyss’ Sarah ist kein Opfer, oder jedenfalls ist das nur eine von vielen Rollen, in der sie sich gefällt. Ihre Rührung rührt sie, gerade weil sie gelernt hat, der eigenen Wahrnehmung zu misstrauen. Nur der Konstruktion des Gefühls kann sie sich hingeben. Darin offenbart sich womöglich ein allgemeineres, sehr zeitgenössisches Thema: die fluiden Rollenbilder einer Gesellschaft, die nicht mehr in Handgriffen und Körperhaltungen eingeübt, sondern in einer zunehmend entgrenzten Medienarbeit zuhause und im Büro immer wieder probiert und verworfen werden, für eine endlos nahende und doch nie zur Aufführung gelangende Performance. Sarahs Widerstand gegen ein solches Verwandlungsmanagement  – in der Schultheatergruppe und im Leben – mag romantische (und also anachronistische) Formen suchen, im Kern zielt er auf die Wirklichkeit eines letzten, unwiederholbaren Moments.



*)

Damit keine Missverständnisse entstehen: Der Film ist lange vor meiner Zeit an der DFFB konzipiert und gedreht worden. Ich war in meiner Funktion als Leitender Regiedozent an der DFFB aber einige Male bei Testvorführungen. Der Text entstand auf Wunsch Katharina Wyss' ursprünglich für das Presseheft. Ich hoffe sehr, dass es dieses aufregende Debüt regulär ins deutsche Kino schaffen wird.

31 August, 2017

'Jetzt'



Für den Filmdienst (Heft 18/2017) habe ich einen kurzen Text geschrieben über meine Sehnsucht nach den 'Essenzen des Kinos'.

15 August, 2017

Gedankenspaziergang (auf dünnem Eis)

Konrad Wolfs DER KLEINE PRINZ (DDR 1966)

Pauli (6 Jahre): „Was ist unmöglich?”

Ich: „Fliegen ohne Hilfsmittel zum Beispiel.”

Pauli: „Warum ist das unmöglich?”

Ich: „Naturgesetze...”

Pauli: „Und in Geschichten?”

Ich: „Da ist alles möglich.”

Pauli: „Was ist der Unterschied zwischen Wirklichkeit und Geschichten?”

Ich: „Wirklichkeit ist das, was wir nicht erzählen können.”

Pauli: „Verstehe ich nicht.”

Ich: „Sobald man es versucht, wird es wieder eine Geschichte.”

Pauli: „Zum Beispiel?”

Ich: „Wie war's heute im Kindergarten?”

Pauli: „Gut.”

Ich: „Siehst du.”

07 August, 2017

Krimskrams


Schöner Krimskrams war mir immer lieber als die nüchternen „Wertsachen” der Erwachsenenwelt. Warum eigentlich? Ich glaube, es hat letztlich magische Wurzeln. Das Stückwerk wird im Kopf lebendig – und funktioniert also ein bisschen wie das Kino. Das Bild unten ist aus der schönen Titelsequenz für TO KILL A MOCKINGBIRD von Stephen Frankfurt, das obere zeigt eine meiner Schubladen.

26 Juli, 2017

Das Übrige

„Die Geschichte geht noch weiter, aber meiner Großmutter, die sie erzählt hat, war das Gedächtnis schwach geworden; sie hat das Übrige vergessen.”
Aus: 'Die Gänsehirtin am Brunnen' (Gebrüder Grimm)

11 Juli, 2017

Die Beute wird geteilt

Die Nacht als Versprechen: John Altons fiebrige Kamera in 
Joseph H. Lewis' THE BIG COMBO.

Im November letzten Jahres habe ich auf Facebook um Empfehlungen gebeten in Sachen Gangster- Unterwelts- und Nachtfilme abseits des Kanons. Das Echo war groß, und weil die Liste schön ist, und einige Überraschungen enthält, möchte ich sie mit Verspätung auch hier öffentlich machen. Viele der Filme kannte ich schon, einige habe ich inzwischen gesehen, von manchen hatte ich noch nie gehört, alle machen mich neugierig (und den Einen oder Anderen unter den Parallelfilm-Lesern vielleicht auch).

MISS MEND (Boris Barnet, UdSSR 1926)
VORUNTERSUCHUNG (Robert Siodmak. Deutschland 1931)
RAZZIA IN ST. PAULI (Werner Hochbaum, Deutschland 1932)
PICTURE SNATCHER (Lloyd Bacon, USA 1933)
THE BLACK CAT (Edgar Ulmer, USA 1934)
MAD LOVE (Karl Freund, USA 1935)
STRANGER ON THE THIRD FLOOR (Boris Ingster, USA 1940)
BLUEBIRD (Edgar Ulmer, USA 1944)
HANGOVER SQUARE (John Brahm, USA 1945)
CROSSFIRE (Edward Dmytryk, USA 1947)
ODD MAN OUT (Carol Reed, GB 1947)
NON COUPABLE (Henri Decoin, Frankreich 1947)
BORN TO KILL (Robert Wise, USA 1947)
APENAS UN DELINCUENTE (Hugo Fregonese, Argentinien 1949)
DER FALL RABANSER (Kurt Hoffmann, Deutschland 1950)
HE RAN ALL THE WAY (John Berry, USA 1951)
TOUCHEZ PAS AU GRISBI (Jacques Becker, Frankreich 1954)
THE BIG COMBO (Joseph H. Lewis, USA 1955)
RAZZIA SUR LA CHNOUF (Henri Decoin, Frankreich 1955)
VIELE KAMEN VORBEI (Peter Pewas, Deutschland 1956)
NIGHTFALL (Jacques Tourneur, USA 1956)
MURDER BY CONTRACT (Irving Lerner, USA 1958)
AM TAG ALS DER REGEN KAM (Gerd Oswald, Deutschland 1959)
INTIMIDATION (Koreyoshi Kurahara, Japan 1960)
BLAST OF SILENCE (Allen Baron, USA 1961)
ALIAS GARDELITO (Lautaro Murúa, Argentinien 1961)
TOKYO DRIFTER (Seijun Suzuki, Japan 1966)
CASH CALLS HELL (Hideo Gosha, Japan 1966)
HEISSES PFLASTER KÖLN (Ernst Hofbauer, Deutschland 1967)
ST. PAULI ZWISCHEN NACHT UND MORGEN (José Bénazéraf, Deutschland 1967)
THE INCIDENT (Larry Peerce, USA 1967)
JOE CALIGULA – DU SUIF CHEZ LES DABES (José Bénazéraf, Frankreich 1969)
INVASIÓN (Hugo Santiago, Argentinien 1969)
THE WOLVES (Hideo Gosha, Japan 1971)
BLUTIGER FREITAG (Rolf Olsen, Deutschland 1972)
MILANO KALIBER 9 (Fernando di Leo, Italien 1972)
THE FRIENDS OF EDDIE COYLE (Peter Yates, USA 1973)
BATTLES WITHOUT HONOR AND HUMANITY (Kinji Fukasaku, Japan 1973-1976)
THE NICKEL RIDE (Robert Mulligan, USA 1974)
GRAVEYARD OF HONOR (Kinji Fukasaku, Japan 1975)
HUSTLE (Robert Aldrich, USA 1975)
MIKEY AND NICKY (Elaine May, USA 1976)
THE SQUEEZE (Michael Apted, GB 1977)
VENGEANCE IS MINE (Shohei Imamura, Japan 1979)
GESCHICHTE DER NACHT (Clemens Klopfenstein, Schweiz 1979)
THE LONG GOOD FRIDAY (John Mackenzie, GB 1980)
MANILA BY NIGHT (Ishmael Bernal, Philippinen 1980)
VICE SQUAD (Gary Sherman, USA 1982)
MONA LISA (Neil Jordan, GB 1986)
HENRY: PORTRAIT OF A SERIAL KILLER (John McNaughton, USA 1986)
AT CLOSE RANGE (James Foley, USA 1986)
SCHATTENBOXER (Lars Becker, Deutschland 1992)
LIFE ACCORDING TO AGFA (Assi Dayan, Israel 1992)
LIGHT SLEEPER (Paul Schrader, USA 1992)
C’EST ARRIVÉ PRÈS DE CHEZ VOUS (Rémy Belvaux, André Bonzel, Belgien 1992)
THE GENERAL (John Boorman, GB 1998)
CROUPIER (Mike Hodges, GB 1998)
SECRET DÉFENSE (Jacques Rivette, Frankreich 1998)
THE LONGEST NITE (Patrick Yau, Hongkong 1998)
NUEVE REINAS (Fabián Bielinsky, Argentinien 2000)
FRIEND (Kyung-taek Kwak, Südkorea 2001)
GRAVEYARD OF HONOR (Takashi Miike, Japan 2002)
UN OSO ROJO (Adrián Caetano, Argentinien 2002)
PUBLIC ENEMY (Woo-Suk Kang, Südkorea 2002)
PTU (Johnnie To, Hongkong 2003)
ONE NITE IN MONGKOK (Derek Yee, Hongkong 2004)
THE PASSENGER (François Rotger, Frankreich/Japan 2005)
A BITTERSWEET LIFE (Jee-woon Kim, Südkorea 2005)
EL AURA (Fabián Bielinsky, Argentinien 2005)
A DIRTY CARNEVAL (Yoo Ha, Südkorea 2006)
MR 73 (Olivier Marchal, Frankreich 2008)
KINATAY (Brillante Mendoza, Philippinen 2009)
THE YELLOW SEA (Hong-jin Na, Südkorea 2010)
VALLANZASCA - GLI ANGELI DEL MALE (Michele Placido, Italien 2010)
CARNE DE NEÓN (Paco Cabezas, Spanien 2010)
NAMELESS GANGSTER (Jong-bin Yun, Südkorea 2012)
NEW WORLD (Hoon-jung Park, Südkorea 2013)
NIGHTCRAWLER (Dan Gilroy, USA 2014)

07 Juli, 2017

Lidschlag


Der Lidschlag wird manchmal als 'natürliches Äquivalent' des Filmschnitts bezeichnet und wirklich blinzeln wir oft in Momenten des „Einstellungswechsels”, oder unterbrechen eine Sehphase, um unser Auge zu erfrischen. Man könnte daraus eine - etwas wackelige - Theorie der Auflösung ableiten: Jede neue Einstellung soll den Gegenstand von einer anderen Perspektive zeigen, etwas Neues offenbaren, und zwar nicht, weil Abwechslung ein Wert an sich wäre, sondern weil wir das Sehen als einen fortwährenden Ergänzungsprozess verstehen müssen, der auf ein möglichst vollständiges, das heißt wahrheitsgetreues Abbild aus ist.

(Das Bild stammt meiner Sequenzanalyse zu Hitchcocks THE WRONG MAN.)

15 Juni, 2017

01 Juni, 2017

Le Corbeau



Am 14. Juni 2017 mache ich eine Einführung zu Henri-Georges Clouzots großartigem LE CORBEAU im Zeughauskino.
An anderer Stelle habe ich über den Film geschrieben: "LE CORBEAU, Henri-Georges Clouzot's bitter 1943 noir, made under German occupation, convincingly shows how denunciation—even when accurate—destroys the social fabric of a community. The truth telling anonymous here is initially welcomed by many, as a distraction from drab routines, or because they hope to profit from the change the scandal will inevitable bring; but letter after letter, it becomes clear that truth without the (moral) concept of visibility is terror..."

11 Mai, 2017

Fünf Wege?

Ken Adam: Skizze für MOONRAKER (Lewis Gilbert, 1979).

Fünf Wege in die Zukunft des Kinos:

1
Pickpocket Cinema

Gelegenheit schafft Diebe: wenn man eine Entdeckung macht – vielleicht die trickreiche Krähe, die Autos ihre Nüsse knacken lässt – kann man jederzeit seine kinotaugliche Kamera zücken.

„Hast du eine Kinokamera in der Tasche oder freust du dich nur, mich zu sehen?”

2
Search Engine Cinema 


So viel Archiv war nie. Mit modernen Werkzeugen lässt sich endlich zielstrebig damit umgehen. 


„Okay Google, ich will einen Mann sehen, der von rechts um die Ecke biegt und dabei lacht.”

3
Update Cinema


Es geht darum, Vorproduktion, Produktion und Postproduktion auf einer Matrix – einer technischen Ebene – so zu verschmelzen, dass der Film in Form kontinuierlicher Updates Gestalt annimmt, statt plötzlich und überraschend im Schneideraum aufzutauchen.


„Schatz, ich gehe eben noch ins Studio, eine Szene neu drehen."


4
Mastershot Cinema


Jede Szene wird in ein oder maximal zwei hochauflösenden Mastershots aufgenommen und erst im Schneideraum dann in kleinere Einheiten („Einstellungen”) rekadriert bzw. mit simulierten Fahrten „befragt”. Diese Mastershots wären noch keine Bilder, eher Blickfelder, die die wesentlichen Aktionen einer Szene erfassen. 


„Kamera steht.”

5
Short Cut Cinema 


Narrative Abkürzungen sind aus der Mode gekommen, obwohl wir heute so viel über das Kino wissen wie nie. Aber wie wäre es, im Spielfilm immer dann essayistisch mit dem Erzählen umzugehen, wenn die Sache einfach schon furchtbar oft erzählt wurde und das Publikum die Nachtigall längst trapsen hört. 


„Wenn wir die Pistole in der Schublade sehen, ist der Mord nur einen Schnitt entfernt.”



Notizen für einen Vortrag über die „Zukunft des Kinos”, gehalten 2014.

07 Mai, 2017

Cannes 2005

Wir kommen an im Regen. Die Empfangsdame, im Uniformkleid, fröstelt. Unser Fahrer sieht aus wie ein Schauspieler – aber ich komme nicht auf den Namen. Immer, wenn er mir fast einfallen will – fragt irgendjemand etwas. Er steckt die Wimpel mit der goldenen Palme an den Wagen, wie für einen Staatsbesuch: Das Kino wird hier ernst genommen. Wenn jemand in unsere Limousine gafft, schaue ich staatsmännisch zurück. So wirkt das Außen nach Innen. Zuerst einmal sehe ich nichts von der Croisette. Nichts vom Meer. Keine Palmen. Ich sitze im Foyer eines Hotels und gebe Interviews. Es sind so viele, dass sie alle ineinander verschwimmen. Viele deutsche Journalisten fragen, warum meine Filme in Frankreich gemocht werden. Es klingt, als müsste ich mich entschuldigen. Ich höre mich von der französischen Filmkultur erzählen, von ihrer Neugier auf das Neue. In Deutschland würde man Filme zuallererst inhaltlich diskutieren. Todesstrafe, Drogensucht, Gewalt an Schulen. Aber das Kino ist keine Partei, sage ich. Der wahre Film ist ein Abenteuer, ohne Gebrauchsformel. Da treffe ich mich mit den Filmbossen des alten Hollywood: Wer etwas zu sagen hat, soll ein Telegramm schreiben. Ich mache Filme. Cannes ist seine Legende. Die wirkliche Wirklichkeit dieser kleinen Stadt am Meer ist nicht der Rede wert. Weder die Croisette, noch die Luxushotels, und schon gar nicht der Festivalpalast verdienen, schön genannt zu werden. So, wie die Kinos meiner Kindheit schäbig waren, ist Cannes protzig. Alles dreht sich um Status. Wer hat den besten Badge? Die tollste Einladung? Die größte Limousine? Auf Partys muss man fürchten, für einen wichtigeren Gesprächspartner verlassen zu werden. Oder für einen anderen „Termin”. Das Festival ist eine große Maschine. Die Filme aus dem offiziellen Programm sind nur Anlass und Feigenblatt, aber für uns Regisseure natürlich das Eigentliche. Meine Premiere geht spurlos an mir vorüber. Sie ist vorbei, bevor ich sie so richtig wahrgenommen habe. Der Applaus war sehr freundlich. Nur sechs Leute sind aus dem Kino gelaufen, sagt meine Produzentin. Das ist ein guter Erfolg, lerne ich. Aber so richtig begreife ich es erst, als ich später in dem Beitrag aus Ungarn sitze, aus dem die Leute geradezu strömen, und zwar von der dritten Minute an. Das ist das intoleranteste Publikum der Welt. Und wer einmal hier war, versteht auch, warum: Die fortwährende Begegnung mit anderen Menschen und Filmen, das ständige Hasten und Telefonieren, die Partys und Verhandlungen zehren die Leute aus. Man will hier von einem Film entweder gepackt, oder in Ruhe gelassen werden. Die Kritiken am nächsten Tag sind gut. In Libération schreibt Gérad Lefort, an der Erneuerung des deutschen Kinos könne angesichts meines Films kein Zweifel bestehen. Le Monde druckt an diesem Tag nur zwei Filmbilder: Eines von Lars von Triers’ MANDERLAY, eines von FALSCHER BEKENNER. Variety, für den amerikanischen Film so wichtig wie die Bibel für die Christen, lobt meine Arbeit und begeistert sich für Constantin von Jascheroff, meinen Hauptdarsteller, der den Film „effortless”, ohne Anstrengung, trage. Ich finde, sie haben Recht. Und auch die Cahiers du Cinema, das Neue Testament sozusagen, hat Gefallen gefunden – und verknüpft den Film assoziativ mit Horror und James Dean. Und dann höre ich das Schönste: Abbas Kiarostami mag den Film!


Für meinen Hauptdarsteller Constantin von Jascheroff ist Cannes das Paradies. Überall Partys, schöne Frauen, dicke Autos. Während er sich in das Getümmel wirft, ziehe ich mich eher zurück. Mir wird es nach zwei Tagen Interviews und diversen Treffen langsam zu viel. Auch meine nimmermüde Produzentin Bettina Brokemper sehnt sich nach Hause. Wir haben seit September – dem Beginn der Drehvorbereitungen – durchgearbeitet. Niemand hätte gedacht, dass wir es in diesem Wahnsinnstempo nach Cannes schaffen würden. Und der einzige, der das jetzt wirklich feiert, ist Constantin. Eigentlich hatte ich gehofft, viele Filme sehen zu können. Den neuen Gus van Sant. Den Film der Dardennes. Den neuen Haneke. Und und und. Und nun habe ich diese wundervolle Plastikkarte am Hals baumeln, freien Zugang zu den vielleicht besten Filmen des Jahres – und habe keine Zeit. Es ist ein Jammer. Aber natürlich, wir sind ja nicht zum Spaß hier. Der Film will „kommuniziert” werden. „Wie sind Sie auf die Idee gekommen, diesen Film zu machen?” Tja. Auf dem Arte-Boot bin ich dann mit meinem Freund und Revolver-Mitstreiter Benjamin Heisenberg, der seinen beeindruckend klaren Debütfilm SCHLÄFER auch in Un Certain Regard präsentiert. Dass wir beide in Cannes sind, ist wirklich fantastisch. Wir fühlen uns wie Abgesandte eines neuen deutschen Films. Unser Segment der Arte-Sendung ist dann auch viel sagend mit „Nouvelle Vaque Allmande” überschrieben. Aber Zeit, Licht ins diffuse Dunkel dieses Begriffes zu bringen, haben wir nicht. Wichtig ist, dass wir da sind, unsere Gesichter zeigen – und ein Revolver-Heft, unser Filmmagazin, in die Kamera halten. Valeska Grisebach, die geschätzte Kollegin, schreibt uns per SMS aus Berlin, dass wir „fesch” aussehen. Na dann! Schon geht es weiter, auf das Un Certain Regard-Dinner... Am nächsten Morgen kommt noch einmal Stimmung auf. Wir haben den Film in die USA und nach Frankreich verkauft! Einen Abschluss mit einem deutschen Verleih gibt es noch nicht. Aber wir sind guter Dinge, als wir aufbrechen. Die Welt hat unseren Film gesehen. Er hat den Härtetest bestanden. Und das ist erst der Anfang.


Geschrieben 2005 für die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Der Text erscheint in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift La Septième Obsession (in französischer Übersetzung von Jerome d'Estais), zum 70. Geburtstag des Festivals.

25 April, 2017

Über Revolver



Am Dienstag, den 16.05.2017 bin in Stuttgart, um im Rahmen der Ringvorlesung „Filmkritik + Videoessay” an der Merz Akademie über unsere Arbeit an/bei/mit REVOLVER zu sprechen.

Nachtrag:
Wer Muse hat, kann sich den Vortrag hier als Video ansehen).

15 April, 2017

Zärtliches Licht

Ballhaus, RWF: Dreharbeiten zu MARTHA (1974).

Für den Tagesspiegel habe ich eine kleine Widmung für Michael Ballhaus geschrieben, der am Mittwoch leider verstorben ist. Seine Filmografie enthält einige der besten Filme seiner Zeit, darunter MARTHADIE EHE DER MARIA BRAUN,THE COLOR OF MONEY, BROADCAST NEWS und GOODFELLASDas im Text erwähnte Revolver-Interview, das ich 2001 zusammen mit Hans Steinbichler geführt habe, kann man hier nachlesen.

12 April, 2017

Spiele & Regeln

Am Samstag, den 6.05.2017 um 21h wird im Zuge einer Werkschau im Arsenal der halblange Film ROSALINDA (Arg. 2010) von Matías Piñeiro gezeigt. Im Anschluss gibt es ein Revolver Live! (58) mit dem Regisseur, das ich moderiere. Titel des Werkstattgespräches: „Spiele & Regeln”.

05 April, 2017

Das Fahrrad

Die Bescheidenheit meiner Großmutter war die Zier, auf die man sie ein Leben lang reduziert hat. Sie muss früh verlernt haben, 'Ich' zu sagen. So blieb ihr langes, über weite Strecken auch entbehrungsreiches Leben unerzählt. Wenn ich sie fragte, wie es war, als die Elektrizität in das kleine chiemgauer Dorf kam, zum Beispiel - betonte sie stets, dass das, was sie erlebt oder mitangesehen hatte, „nichts besonderes” gewesen wäre. Zum Erzählen fühlte sie sich nicht ermächtigt. Heute wäre mir womöglich das, was sie nicht sagte, beredt genug. Damals habe ich nach Worten gehungert. Das Wenige was ich über sie weiß, verdanke ich der anekdotischen Überlieferung meiner Mutter. Darunter auch die folgende Geschichte.

Meine Großmutter, von allen Schreinerin genannt, war während des Krieges in einer schwierigen Lage. Ihr Mann war an der Front, die Tischlerei fiel als Einkommensquelle aus. Die Kinder waren klein. Die einzige Möglichkeit, hin und wieder etwas zu verdienen, war die Aufzucht von Gänsen im eigenen Garten sowie Aushilfstätigkeiten auf den umliegenden Höfen. Als Bauerstochter wusste sie sich nützlich zu machen. Weil die Höfe im weiteren Umkreis lagen, war das Fahrrad ihr wertvollster Besitz. 

Gegen Ende des Krieges wurde ihr Mann als verschollen gemeldet. Niemand hat ihn sterben sehen, aber sein Regiment galt als „aufgerieben”. Dennoch: in den Jahren die folgten, bis weit nach Kriegsende, schien eine Rückkehr jederzeit möglich. Viele andere Männer kehrten nach und nach aus der Gefangenschaft zurück. Das Prinzip Hoffnung war nicht zuletzt auch Ehrensache. Und so kam es, dass meine Großmutter ihr eigentlich unentbehrliches Fahrrad am Bahnhof stehen ließ, auf dass der Gatte die 15 oder 20 Kilometer nach Hause nicht zu Fuß würde gehen müssen. Viele Jahre stand das Fahrrad, liebevoll in Stand gehalten, am Bahnhof, in Erwartung. Als die Hoffnung endlich verbraucht war, zehn Jahre nach Kriegsende, hat die Schreinerin ihren Schreiner dann offiziell für tot erklären lassen. 

In der Rückschau, und darin zeigt sich womöglich doch ein Sinn fürs Erzählerische, hat sie das plötzliche Herabfallen eines Bildes von der Wand, ein Porträt ihres Mannes das bis heute einen Sprung hat, als Todesbotschaft gedeutet. Er sei, so lautet die in der Familie übliche Kurzformel, „wahrscheinlich bei Danzig verbrannt”. Aber die Ungewissheit hat nagend einen guten Teil des Lebens meiner Großmutter zu einem Wartesaal gemacht, in dem man nicht Fahrrad fahren konnte.

„Wenn ich Euch Wehe getan habe, verzeiht mir meine Schwäche. Auf Wieder- 
sehen im Jenseits mit der Mutter”
(Auszug aus dem Testament)

Gerade habe ich mit meiner Mutter telefoniert, um die Plotpoints meiner Rekonstruktion oben mit ihrer Erinnerung abzugleichen. Die Unterschiede sind so beträchtlich, dass man von Geschichtsfälschung sprechen müsste, wenn es sich nicht um eine private Angelegenheit handelte.

Es beginnt damit, dass meine Großmutter keine Gänse, sondern Ferkel großzog, paarweise. (Das eine zum Verkauf, das andere zum Verzehr. Geschlachtet hat ein im Haus einquartierter sudetendeutscher Flüchtling.) Der Großvater war im Februar 1945 noch einmal nachhause gekommen, mit einem Auftrag der Wehrmacht in der Tasche, für Tischlerarbeiten. In zwei Wochen wollte er zurück in der Werkstatt sein und mit den Arbeiten beginnen. Er war es, der mit dem Fahrrad zum Bahnhof fuhr und es dort stehen ließ - er wollte ja bald zurück sein. Jedoch er kam nicht und es war auch nicht herauszufinden, wo er war. Die Zeit der Ungewissheit begann. Und ja, das Fahrrad stand weiterhin am Bahnhof und wartete. Wie lange es dort stand, erinnert meine Mutter nicht mehr - wohl eher Monate denn Jahre. Aber sie erzählt, dass sich meine Großmutter bald darauf „ein Damenfahrrad von Miele” kaufte, „ihr ganzer Stolz”. Meine Fahrradpointe geht aber auch deshalb nicht auf, weil der Hof, auf dem meine Großmutter gelegentlich aushalf, der ihrer Schwester war, in unmittelbarer Nachbarschaft. Jedes Weihnachten seien die besten Speisen für meinen Großvater zurückgelegt worden, falls er käme, erinnert sich meine Mutter, die 1945 zwei Jahre alt war. Erst 1952 haben Nachforschungen des Roten Kreuzes ergeben, dass der Großvater wahrscheinlich gefallen ist, bei Danzig. Als meine Großmutter ihn dann für tot erklären ließ, wurde sie dafür von der Verwandtschaft harsch kritisiert. Man bezichtigte sie, sich neu verheiraten zu wollen - nach sieben Jahren des Wartens! Aber sie wollte wohl lediglich einen konkreten Ort der Trauer. Sein Grab ist bis heute leer, aber vielleicht haben sich die beiden ja im Jenseits gefunden, wie es ihr Testament so rührend nahelegt. Geheiratet hat sie nie mehr. Ach ja: auch das Bild ist nicht von der Wand gefallen, und hat keinen Sprung. Das ist ein Fragment aus einer anderen Geschichte. 

Interessant, welche Streiche die Erinnerung spielt, zumal wenn es sich nicht um eigene Erlebnisse handelt, und interessant auch, wie Binnenlogik die Tatsachen beugt,

welche Ursache-Wirkungs-Romanzen sozusagen der Vorgang des Erzählens selbst hervorbringt.