17 Juli, 2016

Nahtloser Konsens?

So sieht also ein Film aus, der die Lager vereint. Ein „Kinowunder”. Die „Rettung” des deutschen Films. Ein wenig bin ich erleichtert, weil in der Presse der Eindruck entstanden war, der Film sei so scharf wie publikumsaffin – und mir diese Kombination im deutschen Film unerreichbar erschienen war. Aber nein, scharf ist der Film nicht, oder „beißend”, er macht es seinem Publikum leicht, rennt offene Türen ein. 

Mein größtes Problem, von der ersten Minute an: das naturalistische Spiel, das additive Realismus-Konzept, das mit Wiedererkennungseffekten punkten will, aber bei mir fortwährend Abstoßungsreaktionen hervorruft; was so nahe am Leben ist, muss doppelt künstlich wirken, weil es sich permanent mit der eigenen Anschauung kurzschliesst. Und auch wenn der Ton erstaunlich oft stimmt, der Film wirklich genau gearbeitet ist, stimmt er eben beileibe nicht immer, und übrigens oft dann nicht, wenn es um die Welt der Deals, der Wirtschaft geht. 

Und wo die Stimmigkeit zu Anfang vor allem ein bisschen langweilig ist, werden die Misstöne in der Beschreibung der Unternehmer und Unternehmensberater tendenziell denunziatorisch – was vielleicht auch der Tatsache geschuldet ist, dass hier Recherche vor Erfahrung geht. Dass „Managertypen” eigentlich Hanswurste sind, ist im (deutschen) Kino ohnehin Konsens.

Natürlich bleibt der Film auch sonst nicht durchweg „realistisch”. Allerdings versucht die Regie immer, allegorische Ideen ins Alltägliche zu überführen. Der Film fürchtet sich vor Lücken, will nahtlos sein – und diese integrierte Oberfläche ist es vermutlich, die Vielen als das eigentlich „Meisterhafte” gilt. Auch mich beeindruckt die zuverlässige Textur des Films, das „Landschaftliche” – richtig finde ich sie nicht.

Geärgert hat mich dann im Verlauf vor allem die Motivlinie der Eigentlichkeit. Die Unternehmenswelt nimmt wenig überraschend die Rolle des Entfremdeten ein, während das Echte sich natürlich im „primitiven” und „ursprünglichen” Rumänien findet und ein wenig noch in den Scherzen des Vaters, die aber nicht umsonst erst über den Umweg der titelgebenden Kunstfigur ganz zu sich kommen. Dieser Gegensatz – die Falschen gegen die Echten – ist ein kleinbürgerliches Missionars-Klischee letztendlich. 

Der Film tut so – und da ist er sich mit der deutschen Öffentlichkeit ganz einig – als könnte es ein anständiges, ursprüngliches Außen geben. Gleichzeitig sichert er sich gegen weitergehende Forderungen ab, indem er die Unternehmensberater-Tochter den Zusammenhang unseres Wohlstands mit den Ausbeutungsverhältnissen anderswo als alternativlos behaupten lässt. Merkel-Kino? Durchaus. 

So wie der Missionar die armen Heiden insgeheim dafür bedauert, dass der Fortschritt, den er bringt, ihnen ihre „Ursprünglichkeit” rauben wird, so lässt uns Maren die „Echtheit” der Hinterwäldler Rumäniens bestaunen, die in der Großfamilie Ostereier malen. Nicht mehr lange!

Gleichzeitig macht der Film da weiter, wo die ersten zwei Filme aufgehört hatten. Die Tonart zwischen heiter und wolkig, die Betonung des Peinlichen als letztes Reservoir der Wahrheit, der Portraitmodus der eigenen Generation gegenüber, die Zugewandtheit zum Provinziellen. Das völlige Desinteresse auch an filmischer Form, oder jedenfalls an einer Form, die sich selbst thematisieren würde. 

Um Missverständnisse zu vermeiden: Der Film hat blendende Details und ist unbedingt sehenswert. Für die politische Instrumentalisierung seines Erfolges kann er nichts. Aber ich sehe den Film als Rückschritt gegenüber Marens früheren Arbeiten, die ich weniger versöhnlich in Erinnerung habe.

Passform


„Wie gut” - so hat Karl Kraus einmal geätzt - „dass auf der Welt immer genau so viel passiert, wie in die Zeitung passt.” Die scheinbare Zunahme schlimmer und schlimmster Nachrichten ließe sich im Umkehrschluss mit dem Abschied von der papierenen Nachrichtenkonfektion erklären. Dazu passt, dass sich auch die fiktiven Geschichten immer öfter serienförmig zeigen. Oder leben wir tatsächlich in ereignisreicheren Zeiten, die alte Formen sprengen?

08 Juli, 2016

Französisches Doppel

Am 27. August 2016 gebe ich eine „Masterclass” auf dem Festival Premiers Plans d'Angers (wo ich 2003 meinen ersten langen Film gezeigt habe) und betreue als Mentor eine Handvoll von Nachwuchsprojekten.


Am 23. September 2016 diskutiere ich mit Alban Lefranc in den Laboratoires d'Aubervilliers über die erotischen Unterströme staatlicher Gewaltinszenierungen „zwischen Notstand und Notgeilheit”.

07 Juli, 2016

The Assassin

Qi Shu in THE ASSASSIN (Hsiao-Hsien Hou, Taiwan 2015)

Warum hat mich THE ASSASSIN so unberührt gelassen? Schwer zu sagen. Ein Grund ist die titelgebende Figur, die Attentäterin. Buch und Regie geben ihr keine Eigenschaften, keine Beziehungen, kein Ziel. Ihr Handeln ist erratisch, ihr Kampfstil anonym. Die Inszenierung zielt immer wieder auf Demutsgesten ab, markiert Empfindsamkeit, aber die Bezüge bleiben vage. Dem Gesicht der Darstellerin fehlt es an Durchlässigkeit. Ihre – wie mir schien: sehr westliche – Schönheit ist keine Einladung, bleibt ohne Überraschung. Irritierender Weise ist die Erzählweise des Films so opak wie dieses Gesicht. Die Einstellungen stehen unvermittelt nebeneinander, die Montage geht über die Summe der Teile nicht hinaus. Der Film besteht aus Tableaus, Bilder, die aus einem Fotokalender stammen könnten. Ich meine das nicht verächtlich. Aber die Kamera ist eben kein Zeuge, nimmt nie die Perspektive einer Figur ein, „blickt” nicht. Es ist einigermaßen anspruchsvoll, der Handlung zu folgen, aber die Mühe wird nicht belohnt, die Sache wird nicht reicher, nicht komplexer in der Dauer. Und wenn ich jetzt, kaum zwei Tage später, über den Film nachdenke, habe ich nicht das Gefühl, dass sich die Erfahrung noch ausdehnt, eher habe ich Mühe, mich zu erinnern.