03 Februar, 2016

Protestantische Probleme?

Im Rahmen der 2. Woche der Kritik fragt eine Veranstaltung (10.02.2016, Silent Green Kulturquartier) „Warum der deutsche Film nur unter sich feiert”. Nachfolgend ein Diskussionsbeitrag zum Thema, unvollendet. (Vielleicht kann ich den Text ja – inspiriert von den Beiträgen der geladenen Gäste Charles Tesson, Richard Brody, Bettina Reitz, Sergio Fant, Katrin Schlösser und Lars Henrik Gass – nach der Konferenz zu Ende schreiben.)






Natürlich, wir haben uns längst daran gewöhnt: der deutsche Film kommt in Cannes, Venedig, Locarno nicht vor. Aber woran liegt das eigentlich? Nicht am Geld. Nicht am Handwerk. Ich behaupte auch an Talenten fehlt es nicht. 

Als Gründe sind weiterhin im Angebot: „Ausländische Geschäftsinteressen”, „Es gibt keine deutschen Stars”, „Der deutsche Film hat ein Kommunikationsproblem” oder auch: „die unheilvolle Macht der Sender”, „das Klein-Klein der Strukturen”, „Es fehlen Unternehmer-Produzenten” usw.

Fast jedes dieser Argumente lässt sich mindestens anekdotisch belegen und dennoch treffen sie nicht den Kern. Welcher deutsche Film hat das Zeug, den ästhetischen Stand der Dinge herauszufordern und die Welt in Aufregung zu versetzen? Eben. Wir haben die Ware nicht, die dort gefragt ist. 

Damit sei nicht gesagt, dass es keine guten deutschen Filme gäbe. Aber wir haben eine Filmkultur, die in ihren besten Momenten bescheiden ist, während das Unbescheidene fast immer ohne Ambition bleibt. Kurz: der deutsche Film hat ein „protestantisches” Problem. 

Anders als die Autorengeneration der 70er Jahre, für die ein „katholisches” (performativ-polarisierendes) Verhältnis zur Öffentlichkeit eine Selbstverständlichkeit war, haben wir es heute meist mit Filmemachern zu tun, die versuchen, in gutem Einvernehmen zu leben sowohl mit der eigenen Szene, als auch den Mächten, die ihre Filme finanzieren. Mir scheint, dass die Kultur der Harmonie über pragmatisch-opportunistische Gründe weit hinaus geht, also sozusagen „ehrlich protestantisch” ist.

Aber ganz ohne Zweifel wird diese nette Art von den tonangebenden Spielern – den Sendern und Förderern – auch vorausgesetzt, in viel höherem Masse als in den Tagen den Neuen Deutschen Films jedenfalls. Kollegen, die das Gefühl stabiler Sympathie verweigern oder gar die eine oder andere Hand beissen, haben sofort Schwierigkeiten. 

Aber zurück zu den Protestanten, zu uns. Warum leben wir nicht wild und gefährlich? Warum gehen wir nicht aufs Ganze? Warum machen wir keinen Skandal? Vielleicht, weil das Gesten von Gestern sind. Weil es nicht unsere Art ist. Aber sicher auch, weil niemand auf uns wartet. Wie soll man über die Stränge schlagen ohne die heisse Sehnsucht eines Publikums? 

Die Katze beisst sich in den Schwanz...

(...)


Kommentare:

  1. Lieber Christoph,
    das erinnert mich schwer daran, daß Dietrich Brüggemann mal in einer "Schnitt"-Kritik zwischen katholischem und protestantischem Film unterschied, aber anders als Du (etwas traditioneller vielleicht, aber ich glaube: folgerichtiger): Katholisches Kino kommt aus Südeuropa und Südamerika und zeichnet sich aus durch den Kontrast von exzessiver Lebensfreude bei zugleich tragischer Schuld und Sühne - die Welt sinnlich und farbenfroh, leidenschaftlich und orgiastisch, aber sie ist auch ein Fegefeuer, das Leid und Gejammer ist ebenso intensiv wie der Genuß davor. Typische Beispiele sind Fellini und Almodovar und Kusturica und Iñárritu natürlich.

    Protestantisches Kino ist ebenso verinnerlicht wie das katholische veräußerlicht ist, hier findet sowohl die Sünde als auch die Strafe nur in der Psyche statt. Protestantisches Kino ist, wenn ein Paar schweigend am verregneten Fenster steht und einer sagt: "Ich hab dich nie geliebt" udn der andere sagt: "Ich weiß." Und dann schweigen sie noch ein bißchen. Das ist natürlich das skandinavische Kino, das ist Bergman und der späte Tarkowski, aber das ist auch der japansiche Film, das ist auch Ozu, wo ein geschälter Apfel eine große Tragödie und eine hochgezogene Augenbraue das Ende einer Familie sein kann.

    In diesem Sinne ist der protestantische Film zutiefst festivaltauglich, wie Filmemacher wie Roy Andersson, Takeshi Kitano, Lars von Trier und viele andere beweisen.

    Die Deutschen sind, wie die Amerikaner auch (wobei ich das zur Diskussion stellen würde) zwischen den Kulturen. Haneke und die "Berliner Schule" sind für mich eindeutig protestantisch, Herzog und Fassbinder klar katholisch, und es gibt Filmemacher wie Wenders oder Brüggemann selbst, die abwechselnd extrem katholische und extrem protestantische Filme machen können (Dietrich letzte zwei sind geradezu Extreme der beiden Richtungen).

    Du hast zwar recht, daß die Skandalfilme ("Saló" zum Beispiel oder "Das große Fressen") oft katholisch sind; aber ich behaupte zum einen, daß es da Ausnahmen gibt (Nagisa Oshima hat praktisch sein ganzes Leben lang äußerst "protestantische" Skandalfilme gedreht), und daß es andererseits im heutigen Festivalzyklus beinahe noch einfacher für protestantische Filme ist als für katholische. Für mich hat das nichts mit Tiefe oder Intensität zu tun, sondrn nur mit einer anderen kulturellen Richtung, in die diese Intensität geht.

    Warum deutsche Filme international nichts gewinnen, das ist damit natürlich auch nicht erklärt. Hm.
    Beste Grüße,
    Daniel Bickermann

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    1. @Daniel ... so wörtlich hab ich's nicht gemeint. Ich meine mit „protestantisch” unser „gewissenhaftes” Miteinander zwischen Bescheidenheit und Gehorsam, auch wenn die Vokabel natürlich einigermassen fragwürdig ist. Die Einteilung der Filme in katholisch-sinnlich-bildhaft vs. protestantisch-karg-innerlich interessiert mich dagegen weniger, auch wenn die katholische Bildtradition zweifellos im Kino weiterlebt. (Übrigens wäre Lars von Triers Kino dann natürlich gegenreformatorisch; er ist auch im wirklichen Leben katholischer Konvertit). Grüße, ch

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  2. Sehr geehrter Herr Hochhäusler,
    ich interessiere mich für die kommende Veranstaltung da mich dieses Thema auch schon oft beschäftigt hat. Ich habe Ihren Text gelesen und hoffe es ist nicht unpassend einen Gedanken, der sich mir immer wieder stellt, hier an Sie zu richten. Ich weiß nie, ob er überhaupt von Bedeutung ist, Ihre und andere Meinungen würden mich aber sehr interessieren. Ich versuche ihn kurzzufassen: Ist die Kunst durch den Krieg vertrieben worden und hat sich noch nicht davon erholt? Kann sie das überhaupt? Haben wir sie noch nicht wirklich genug vermisst, sowie andere Aspekte wie z.B. wissenschaftliche, wirtschaftliche Anerkennung und es war kein wirkliches Politikum seither sie wirklich zurückzuholen? Warum werden so viele Filme über das Dritte Reich gedreht und so wenige über andere geschichtliche Aspekte? ( die Geschichte hier hat viele große Geschichten, die für mich gefühlt immer öfter vom Ausland groß/international verfilmt werden(Cabaret mein Favorit, aber aktuell Bridge of Spies, Homeland, Berlin Noir...), aber nicht von deutschen Akteuren) Verschlafen wir unsere Optionen aus mangelndem Selbstbewusstsein, weil das Land der Dichter und Denker nur noch das Land der Ingenieure ist ( überspitzt)? Oder gibt es langsam Hoffnung und wir wachen endlich auf ( Deutschland 83, das finstere Tal, Weißensee...)? Hat Hitler, der gescheiterte Künstler, uns für immer ein Loch hinterlassen? Oder ist es eine große Wunde die langsam heilt?
    Oder alles Unfug? ;)
    Beste Grüße, B.N. aus Berlin

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    1. @B.N. aka Terri, ja, der Nachhall der NS-Zeit, die Katastrophe unserer Geschichte, gehört natürlich auch zu den Gründen, die immer wieder diskutiert werden. Ich glaube auch, dass diese Zeit weiter nachwirkt. Aber dass sie große Kunst verhindert? Eher nicht. Die deutsch-deutsche Nachkriegsfilmgeschichte ist reich in meinen Augen. Von Käutner bis Wolf, von Tremper bis Klick, von Kluge bis Herzog, von Fassbinder bis Schroeter, von Schanelec bis Heise. Was allerdings in der deutschen Filmgeschichte schon immer rar war, ist die Kontinuität, eine Tradition des Erfolges. Ich sehe viele Brüche, viel reinen Tisch, anders als etwa in Frankreich oder den USA, wo die Revolutionen gerne übertrieben werden (Nouvelle Vague, New Hollywood), eben weil die Kontinuität so stark ist.

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  3. Unter den vielen aufgezählten Gründen fehlt womöglich: Lebenserfahrung.

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  4. Ich möchte eine Lanze brechen für "Good bye Lenin", "Das Leben der Anderen" oder auch "Sommer vorm Balkon". Warum? Sie behandeln ihre Themen authentisch. Keine Darstellung aus zweiter Hand. Und - zum Teil zumindest - frische Gesichter, bei denen man nicht nach wenigen Minuten schon weiß, der zählt zu den Guten, die zu den Bösen.

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  5. Das will jetzt kein Angriff sein, ist jetzt sehr allgemein formuliert, und folgende These fügt sich in ihren Auswirkungen eventuell bloß zusammen mit den – in Deinem Text – als anekdotisch belegbar bezeichneten Problemen, aber der deutsche Film (im größeren Sinne auch der deutschsprachige) hat für meinen Geschmack ein beinahe schon symptomatisches, dialektisches Problem mit seinem Verhältnis von Behauptetem und Bewahrheitetem und gleichzeitig der Balance zwischen Abstraktion und Konkretion.

    Ein Plot an und für sich, auf dem Papier, ist ja zunächst einmal reine Behauptung. Doch habe ich das Gefühl, dass in der Umsetzung dann oft die Paare Behauptung/Abstraktion und Bewahrheitung/Konkretion in ihrer Darstellung und Umsetzung kombiniert werden: Im Kleinen könnte man das auch den Filmen «Milchwald» und vor allem «Über Dir die Stadt» unterstellen; im schlimmsten Fall liegen dann die Fabeln wie ein bleiernes Korsett über der Erzählung (Den falschen Bekenner hingegen nehme ich aus). Dieses Phänomen zieht sich – ich seh, ich seh – wie ein Faden vom Leben der Anderen hin zu den Gespenstern und dem Bunker der Gegenwart...

    Mitunter der Großteil der deutschen Filmproduktion kommt so anscheinend nie umhin, mir mit seinen Geschichten einen pädagogischen Impetus und eine entsprechend gefühlte Deutungshoheit mitzuliefern. Da fehlt mir dann tatsächlich ein Maß an Freiheit im Erzählerischen wie im Erzählten und vor allem ein Maß an Sinnlichkeit/Sinnhaftigkeit im Filmverständnis.

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    1. @Michel Ich ahne, was du meinst, störe mich auch in meinen Filmen an der Schere zwischen Konzeption und Konkretion; pädagogisch kann ich UNTER DIR DIE STADT aber nicht finden...

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  6. Die Wenigsten können hier kontinuierlich Filme machen und sich so von Film zu Film weiterentwickeln. Viele sind nach zwei, höchstens drei Langfilmen wieder weg vom Fenster, dann wird auf die Nächsten gekuckt. Ich wünschte, mehr Leute könnten kontinuierlich arbeiten.
    Sabine

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    1. @Sabine: Du hast völlig recht. Und die Artigkeit der Akteure hat natürlich auch damit zu tun, dass die Fehlertoleranz des Systems sehr klein ist.

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    2. Und nur nebenbei: ungerechterweise haben oftmals diejenigen, die in Entscheidungspositionen sitzen, einen langfristigen Arbeitsvertrag - im Gegensatz zu denjenigen, die sehr viele Monate, manchmal Jahre auf eine Entscheidung warten. Viel Angst vor Fehlern gibt's aber auf beiden Seiten.

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