01 Oktober, 2012

Roberto Bolaño:

„In diesem Moment erschien der Wirt und legte ein Video ein. Dazu musste er auf einen Stuhl steigen. Von dort verkündete er: „Ich mache euch jetzt ein Video an, Kinder.” Niemand beachtete ihn. „Eine faule Bande seid ihr”, sagte er wie zum Abschied. Der Film handelte von postnuklearen Motorradfahrern. „Kenn ich schon”, sagte El Cordero, als er mit zwei Gläsern Cognac zurückkam. Das Mädchen am Kamin begann zu weinen. Ich kann es nicht erklären, aber sie war die Einzige in der ganzen Kneipe, die nicht hier zu sein schien. Ich fragte El Cordero, warum sie weinte. „Woher weißt du, dass sie weint?”, entgegnete er, „ich sehe kaum ihr Gesicht”. Ich zuckte mit den Achseln; im Fernseher brachen zwei Motorradfahrer in die Wüste auf; einer der beiden war einäugig; am Horizont ragten die Reste einer Stadt auf: die Ruine einer Tankstelle, ein Supermarkt, eine Bank, ein Kino, ein Hotel ... „Mutanten”, sagte El Cordero und dreht sich ins Profil, um ein bisschen was zu sehen.”

Aus: Roberto Bolaño „Das Dritte Reich”. Aus dem Spanischen von Christian Hansen. Hanser Verlag (S. 89)

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Ein Beispiel für „vermischte Wahrnehmung”, die unseren Medienalltag mehr und mehr bestimmt. Die Rückwirkung auf das Kino interessiert mich. Vielleicht komme ich bei Gelegenheit dazu, etwas darüber zu schreiben.

Kommentare:

  1. Erinnert mich spontan an eine andere Passage, die dich ebenfalls interessieren könnte.

    Das Haus von Charly Cruz hatte viele Zimmer. Einige dienten nur als Abstellräume, in denen sich Videokassetten und DVDs aus seinem Laden oder seiner privaten Sammlung türmten. Das Wohnzimmer befand sich im Erdgeschoss. Zwei Sessel und zwei Sofas aus Leder, ein Holztisch und ein Fernseher. Die Sessel waren von guter Qualität, aber alt. Der Boden aus gelben, schwarz gemaserten Fliesen war schmutzig. Darüber konnten auch einige bunte indianische Teppiche nicht hinwegtäuschen. An einer Wand hing ein mannshoher Spiegel. An einer anderen das Plakat eines mexikanischen Films aus den fünfziger Jahren, gerahmt und hinter Glas. Charly Cruz sagte, es sei das Originalplakat eines sehr alten Films, von dem fast keine Kopien mehr erhalten seien. Eine gläserne Anrichte verwahrte die alkoholischen Getränke. In einem offenbar ungenutzten Raum, der an das Wohnzimmer grenzte, standen eine brandneue Musikanlage und ein Karton mit CDs. Rosa Méndez hockte sich neben den Karton und wühlte darin herum.
    "Frauen sind verrückt nach Musik", sagte Charly Cruz ihm ins Ohr, "ich bin verrückt nach Filmen."
    Die Nähe von Charly Cruz erschreckte ihn. Erst in diesem Moment wurde ihm bewusst, dass der Raum keine Fenster hatte, und er fand es seltsam, dass jemand sich gerade ihn als Wohnzimmer aussuchen konnte, wo das Haus doch groß und und an hellen Zimmern sicher kein Mangel war. Als die erste Musik erklang, nahmen Corona und Chucho Flores die Mädchen beim Arm und verließen das Wohnzimmer. Der Schnurrbärtige setzte sich in den Sessel und schaute auf die Uhr. Charly Cruz fragte Fate, ob er nicht Lust hätte den Film von Robert Rodríguez zu sehen. Fate nickte.Der Schnurrbärtige konnte den Film wegen der Position seines Sessels nicht sehen, ohne sich den Hals zu verrenken, tatsächlich schien er aber auch gar kein Interesse daran zu haben. Er saß still da, schaute in die Runde und hin und wieder zur Decke.
    Charly Cruz zufolge dauerte der Film nicht länger als eine halbe Stunde. Man sah das Gesicht einer alten, stark geschminkten Frau, die in die Kamera schaute und nach einer Weile unverständliche Dinge murmelte und zu weinen begann. Sie sah aus wie eine Hure im Ruhestand, manchmal wie eine, die im sterben lag, dachte Rate. Danach erschien eine junge Frau, schlank, mit dunkler Haut und großen Brüsten, die auf einer Bettkante saß und sich auszog. Aus dem Dunkel tauchten drei Männer auf, die ihr erst etwas ins Ohr flüsterten und sie dann vögelten. Anfangs leistete die Frau Widerstand. Sie schaute direkt in die Kamera und sagte etwas auf Spanisch, das Fate nicht verstand. Danach täuschte sie einen Orgasmus vor und begann zu schreien. Die drei Kerle, die sie bislang abwechselnd bestiegen hatten, nahmen sie daraufhin zu dritt, wobei der erste vaginal in sie eindrang, der zweite anal und der dritte ihr seinen Schwanz in den Mund schob. Das Bild, das sie boten, erinnerte an einer Perpetuum mobile. Der Betrachter ahnte, dass dieses Perpetuum mobile irgendwann bersten müsste, aber wann das geschehen würde und wie, hätte man nicht sagen können. […] "Wo ist Rosa, fragte Fate, als der Film zu Ende war. "Es gibt noch ein zweites Band", sagte Charly Cruz. "Wo ist Rosa?" "In Irgendeinem Zimmer", sagte Charly Cruz, "und gerade dabei Chucho einen zu blasen. Dann stand er auf, verließ das Zimmer, und als er wiederkam, hatte er das fehlende Band in der Hand. Während er noch das Video zurückspulte, sagte Rate, er müsse mal aufs Klo.

    Roberto Belaño, 2666, Fischer 2011, S. 426ff

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