24 Dezember, 2012

Gefühlsindustrie?


Alles läuft darauf hinaus, ob das Ende unseres Leidens der Anfang unseres Glückes ist... Aber beginnen wir von vorne. Man hat bei mir einen Text bestellt: „Gegen das Kino als Gefühlsindustrie". Ganz große Schlagzeile.

Aber was heißt Gefühlsindustrie? Die Deutschen, die sogar ihren Gefühlen einen „Haushalt” gönnen, können mit diesem Wort womöglich viel anfangen. Als Regisseur finde ich es ein bisschen sperrig, wo wir doch jeden Film in Handarbeit herstellen, oft genug mit lückenhaften Bauplänen, ohne Gewissheit, ob Plot, Besetzung, Dialoge tragen werden, voller Zweifel, Aberglauben, Optimismus. Sieht so eine Industrie aus?

Jetzt haben Sie natürlich „Hollywood” auf den Lippen – aber Geld allein macht noch kein Fliessband. Sagen wir also besser: Möchte-gern-Industrie. Arbeitsteilig, meinetwegen effizient in seinen Arbeitsabläufen, aber im Ergebnis noch immer ziemlich unzuverlässig, nein? Vom launischen Markterfolg nicht zu reden. Eine „Traumfabrik”, die seit vielen Jahren so viel Alb- produziert, dass man sie, ginge es nur um den Gebrauchswert, längst hätte schließen müssen. Aber es finden sich immer wieder Liebhaber, die weiter investieren. Am Ende spekulieren sie auf ein anderes Gold? Das sind religiöse Nebenpfade.

Bleiben wir bei der Idee einer Industrie. Film als Produkt. Zuverlässig. Und damit einhergehend: Gemachte Gefühle. Perfekte Manipulation. Zugeschnitten auf unsere Bedürfnisse. Nun ist ein Gefühl ja nicht ganz das Gleiche wie die Tafel Schokolade, die wir kaufen, oder ein halbes Kilo Reis. Gefühle haben ist nicht schwer... aber sie nicht zu haben? Eine Industrie könnte uns vielleicht Kontrolle verkaufen, oder auch: kontrollierten Kontrollverlust. Wir bestimmen die Dosis, den Zeitpunkt, die Art des Gefühls. Die Industrie liefert den Stoff ... Garantiert ungefährlich. Entspricht der EU-Gefühlsnorm.

Gehen wir deshalb ins Kino? Ein Körnchen Wahrheit ist schon dabei. So viel Feingefühl, wie wir uns im Dunkeln leisten, sucht man im Alltag vergeblich. Man möchte bewegt werden, um sich als Mensch zu fühlen. Warum verkauft sich das Sentimentale im Kino, wenn nicht, weil uns unsere eigene Empfindsamkeit rührt? Ein klarer Fall von Narzismus-Zucker, der vergessen hilft, dass wir „draußen” nach anderen Maximen leben. Ist die Diktatorenträne, im Kino geweint, eigentlich weniger edel als unsere? Womöglich war Hitlers Kinosucht ein Kompensationsgeschäft? Wann gehen Sie bevorzugt ins Kino: Wenn es Ihnen gut geht oder... bei Regen?

Man könnte sagen, das Kino macht uns selbst zur Gefühlsindustrie... Wir produzieren, was uns fehlt. Der Film liefert den Sirup, klebriges Zeug, verdünnt mit Handlung und schönen Naturaufnahmen, und in uns wachsen dann große Gefühle.

Wie war das noch mal in der Odysee?

12. Gesang
Erst befiehlt uns die Göttin, der zauberischen Sirenen
süße Stimmen zu meiden und ihre blumige Wiese.
Mir erlaubt sie allein, den Gesang zu hören; Doch bindet
ihr mich fest, damit ich kein Glied zu regen vermöge,
aufrecht stehend am Maste mit fest umschlungenen Seilen.
Fleh' ich aber euch an und befehle, die Seile zu lösen:
Eilend fesselt mich dann mit mehreren Banden noch stärker!

Das kennen wir doch auch im Kino: Das Schöne, Gefährlich-Schöne, Schön-Gefährliche wollen dürfen, aber nicht kriegen müssen. „Protect me from what I want” (Barbara Krueger). Verführerisch.

Das Kino als eine Gefühlsindustrie in uns, das heißt, den Traum vom Maschinenwesen zu träumen. Als Meister unserer Begierden gehen wir nicht mehr am Gängelband des Körpers, sondern umgekehrt führen Ventile dem Körper zu, was er zum „Funktionieren” braucht. Auch hier scheint die Pornoindustrie (ja, hier ist das Wort ist gerechtfertigt) wegweisend, denn schon heute beschützt sie ihre Kunden erfolgreich vor dem, was sie wollen.

Zurück auf Los: Alles läuft darauf hinaus, ob das Ende unseres Leidens der Anfang unseres Glückes ist... Ich kann nicht daran glauben. Wenn vom Leiden erlöst werden nicht heißt: sterben, dann bedeutet es ein Regime, das den Körper zum Haushalt macht. Die Gefühlsindustrie als „Zulieferer” verspricht in diesem Zusammenhang kein Glück, sondern das Ende des Mangels. Das ist zu wenig.

Wir brauchen im Gegenteil ein Kino, das sich als Werkzeug versteht in unserer Wirklichkeitsproduktion. Das brauchbar ist im Sinne einer individuellen Begriffsbildung. Das nicht wohlige Schauer, sondern produktiven Widerspruch auslöst – und das eben kein Kompensationsgeschäft, sondern Teil eines kommunikativen Vorgangs ist, der mit dem Kinobesuch noch lange nicht enden will.

(Auftragstext für den FILMDIENST, erschienen im Januar 2008)

Billige Gesellschaft

Kino ist immer auch Fluchtraum der Einsamen. Billige Gesellschaft. Zwar bleibt man mit den investierten Gefühlen allein – sie verpuffen als Abwärme im Saal – aber wenn der Film „gut” war, fühlt sich das wie eine soziale Erfahrung an. Man war „intim” mit dem Film. In der besten aller Welten ist die Tatsache, dass die Nachbarin an der gleichen Stelle gelacht hat Signal, das Erlebte nachher in Rede aufzulösen. (So habe ich einmal eine Freundin gefunden, 1993 im Moviemento.)

18 Dezember, 2012

Alles lebt

Ich habe mir heute LORE angesehen, von Cate Shortland. Mit dem Raubtierblick eines Kollegen, der ins gleiche Revier drängt (eines meiner nächsten Projekte spielt in thematischer Nachbarschaft), sass ich im winzigen Saal 4 der Hackeschen Höfe und habe Ausschau gehalten nach nützlichen Details. Das Folgende ist also weniger Kritik als „Beute”.

LORE erzählt von einem Mädchen aus gutem, bösen Hause – die Eltern scheinen direkt in die Vernichtungspolitik des NS-Staats verstrickt – das gewissermassen über Nacht in Verantwortung fällt und ihre jüngeren Geschwister quer durch die Besatzungszonen zur Großmutter bringen muss. Erwachsenwerden auf schwankendem Grund, 1945.

Shortlands Film geht einen stilistischen Weg, der im angelsächsischen Raum eine feste Tradition hat. Film ist hier eine Haut, die man sozusagen mit den Augen berühren kann; „Geschichte” wird aufgelöst in taktile Reizketten. Ein Sensualismus, der in erster Linie fotografisch ist. Übersaturierte Farben. Anschnitte. Unschärfen. Haut. Haare im Blau-Blau des Himmels. Blumen, Zweige, Gras: Windbewegt. Eine erstaunliche Variation an Stoffen und Dekor in der Garderobe der Notgemeinschaft.

Man könnte eine Linie zeichnen, quer durch die Filmgeschichte, von F.W. Murnau (SUNRISE, 1927) zu Tony Richardson (MADEMOISELLE, 1966), circa. Die Linie hat einen Knick. Der Knick heisst Werbung: Der Wunsch, alle Dinge zu beleben mündet in eine Ästhetik, mit der man alle Dinge verkaufen kann. Aber der fotographische Impressionismus lebt. Terrence Malick (DAYS OF HEAVEN, 1978), Philip Ridley (THE REFLECTING SKIN, 1990), Jane Campion (AN ANGEL AT MY TABLE, 1990) oder Andrea Arnold (WUTHERING HEIGHTS, 2011) könnte man nennen. LORE knüpft hier an.

Aus welcher Perspektive wird erzählt? Die sinnlichen Sensationen bleiben seltsam unverbunden mit dem Erleben der Hauptfigur. Die hat andere Sorgen als die Schönheit der Welt. Sie will überleben und muss zurecht kommen mit einem radikalen Wechsel ihrer moralischen Koordinaten. Trotzdem filmt Shortland die Leiche einer vergewaltigten Frau zum Beispiel wie ein holländisches Stilleben. LORE ist stark als Naturfilm. Die Ameisen machen sich gut auf dem roten Bein.

Was sich einstellt ist das Gefühl eines ästhetischen Pantheismus, der auf moralische Relativierung hinausläuft. Alles ist schön, scheint der Film zu sagen. Und: Alles ist grausam. Eine Frage des Maßstabs. Der Film plädiert für die Großaufnahme. Wenn der politisch-zeitgeschichtliche Kontext dann doch auftaucht, stört er. Die Verbrennung der rassehygienischen Unterlagen zu Hause wirkt wie eine Floskel. Die Plakatierung der Fotos von Leichenbergen wie eine Belegszene. Anders gesagt: die Großaufnahme ist pure Gegenwart. Sie narrativ und moralisch einzuhegen ist heikel – und führt immer wieder zu plumpen Kunstgriffen, gegen die Logik des Bildes. Etwa, wenn der Bergbauer mit Klumpfuss davon spricht, dass die Eltern jetzt seien, wo sie hingehörten: im Gefängnis. Falsch adressiert. Oder wenn auf den erwähnten KZ-Bildern ausgerechnet der Vater zu sehen ist.

Die Handlung ist einsilbig. Additiv. Kaum eines der Erlebnisse hat Konsequenzen für die nächste Episode. Das bedeutet auch, dass Lore, die Hauptfigur, nicht wirklich an Tiefe gewinnt. Der Film hat kein szenisches Gedächtnis über die Maske hinaus. Das ist das größte Versäumnis des Films, finde ich. Wer ist Lore eigentlich? Der Eindruck von Reife am Ende bleibt sehr allgemein, durchaus auch, weil die Sprech-Regie oft vage ist.

Ich kann den Film empfehlen für seine Entdeckungen. Manches Gesicht, manche Landschaft, auch wenn sie vertraut sind, lernt man neu sehen.

11 Dezember, 2012

06 Dezember, 2012

Séance



Was soll ich sagen: ich habe meinen eigenen Kurzfilm auf Youtube entdeckt und freue mich. Mir gehören die Rechte nicht, die DVD ist im Handel – der Genuss ist also „unmoralisch”.

SÉANCE war 2009 als Teil des Omnibusprojektes DEUTSCHLAND '09 entstanden.

Nouvelle Vague als Farce

Wenn ich mit Franzosen über das französische Kino spreche, bekomme ich meistens pessimistische Auskünfte. Die Falschen scheinen Erfolg zu haben, die Guten sind zu langsam oder haben es schwer, Kitschiers gelten als Künstler (und glauben gerne daran), die Produzenten sind zu schwach oder zu stark oder beides. Auch scheint es einen „Fluch der Nouvelle Vague” zu geben, aber die Geschichte wiederhole sich eben nicht, es sei denn als Farce (sagt Marx) usw. Klingt irgendwie vertraut.

Wie dem auch sei, am Horizont gibt es womöglich Licht, oder jedenfalls ein paar Projekte, auf die große Hoffnungen projiziert werden. Zu den immer wieder genannten Titeln gehören die folgenden Filme:

Pascal Ferran
BIRD PEOPLE

Abdellatif Kechiche
LA VIE D'ADÈLE

Claire Denis
LES SALAUDS

Serge Bozon
TIP TOP

Arnaud Desplechin
JIMMY P.

Catherine Breillat
ABUS DE FAIBLESSE

Rebecca Zlotowski
GRAND CENTRAL


Und dann gibt es noch diese unerwartete Paarung, die mindestens neugierig macht:

Bruno Dumont
CAMILLE CLAUDEL, 1915
- mit Juliette Binoche in der Hauptrolle.

Projektspiegel

Vorschau und Vorfreude: 10 Projekte von Freunden und Kollegen. Mit kurzen (offiziellen) Inhaltsangaben. Auf Raumsprache.

26 November, 2012

Tony Scott: A Moving Target

Mubi Notebook, eine Online-Filmzeitschrift in der ich oft lese, hat Kritiker und Filmemacher eingeladen, über Tony Scott zu schreiben. Das Projekt ist einigermassen ungewöhnlich eingefädelt; jeder Teilnehmer sollte nämlich – ausgehend von einer frei wählbaren Szene – auf einen (anonymisierten) anderen Text reagieren, der wiederum eine andere Szene zum Ausgangspunkt macht. Ein bisschen wie im Spiel der Surrealisten exquisite corps hatte also niemand den ganzen Überblick. Wie viel Sinn oder (produktiver?) Unsinn aus dieser Anordnung resultiert, darüber bin ich selbst noch nicht im Klaren. Ich habe die Einladung zur Teilnahme jedenfalls genutzt, meine sehr vorläufigen Gedanken zu Scott in Form einer Adam Curtis-Parodie zu bündeln. Die Beispielszene stammt aus LAST BOY SCOUT, definitiv kein Lieblingsfilm.

Hier aber nun der ganze Zusammenhang: 1. Daniel Kasman (der das Projekt organisiert hat), 2. Ignatiy Vishnevetsky, 3. Adrian Martin (dem ich zu antworten hatte), 5. MEIN TEXT, 6. Christopher Small (der auf meinen Beitrag reagieren sollte), 7. Adam Cook, 8. Boris Nelepo, 9. C. Mason Wells, 10. Joe McCulloch und 11. Phil Coldiron

In einer zweiten Runde (die inzwischen auch online ist) kommen ausserdem Ryland Walker Knight (dem ich die Einladung zur Teilnahme verdanke), Ben Simington, Robert Koehler, Steven Shaviro, Christoph Huber, Uncas Blythe, Kurt Walker, Otie Wheeler, David Phelps und Gina Telaroli (die die Idee zu dem Experiment hatte) zu Wort.

25 November, 2012

Die Rocker von der V

Gestern in der Volksbühne: DON JUAN von René Pollesch. Ein Wahnsinnsabend. Wuttke als zuckende Flamme, im Rollstuhl, in Krücken (das Bein hat ihm ein Mitspieler an einem anderen Abend, im gleichen Stück gebrochen), im Kampf für und wider diesen unmöglichen Text, oszillierend zwischen Diskurssprech und Charakter-Knochen, Knöchelchen ganz ehrlich: Wuttke entzündet jeden Satz mit letzter Kraft. Um ihn herum Doppler, Zuträger, Schatten, und eine Ebenbürtige, Lilith Stangenberg, die Einzige, die ihm zuzuhören scheint. Die beiden rühren mich. Unverhofft beginnt der krude Textkörper zu schweben, trotz der Prothesen, stürzt ab, erhebt sich neu, ein paar Millimeter, paranormal. Wie immer bei Pollesch vermischen sich Albernheiten mit ernsten Spielen, Meta ist ein Witz und wieder doch nicht. Manches ist saukomisch, vieles klug verbrämte Leere, aber gerade wenn man glaubt, dem Schaum auf den Grund zu sehen, kommt ein K.O. aus dem Nichts. In einer Szene bemühen sich die Spieler um Namen und scheitern, die Sprache zerfällt, zerfällt so lange bis die Schauspieler aus der Rolle fallen, vor Lachen nicht mehr sprechen können, was sich nahtlos in den Zirkus fügt. Worum es geht? Wie üblich: Liebe. Zigaretten. Anwesenheit, Abwesenheit. „Die Beleuchtung hat gewechselt.” Es ist einen Abend später und auch schon nach der Vorstellung schwer, irgendetwas zu behalten von dem Gesehenen. Falls ich in der Reihe 6 mein Leben ändern wollte: ich weiss die Richtung jetzt nicht mehr. Was übrig bleibt vielleicht ist das Gefühl von „Rock'n Roll”, in Anführungszeichen. In der Kantine nachher: die nehmen doch was, die haben doch Groupies, die leben doch nicht mehr lange. Nur: „Es wird nichts dadurch besser, dass wir es auch wirklich meinen.” (R.P.)

Eines steht fest: der deutsche Film findet auf einem anderen Planeten statt.

23 November, 2012

B.B. im Radio

Am Samstag, den 24.11, um 15.35 Uhr und Sonntag, den 25.11., um 18.05 Uhr gibt es auf WDR 5 Radio eine Sendung über „meine ” Produzentin, BETTINA BROKEMPER UND DER ABLAUF DER DINGE heißt der Beitrag. Ich bin gespannt.

Harlans Kinder

Hinweis:

Die VIERTE WELT (am Kottbusser Tor in Berlin Kreuzberg) widmet sich acht Tage lang – von Sonntag, den 2.12. bis Sonntag, den 9.12.2012 – dem Regisseur und Autor Thomas Harlan.

Mehr dazu hier.

17 November, 2012

Filmpreisfragen

Denis Kundic vom Drehbuchcourier hat mir ein paar Fragen zum Thema „Deutscher Filmpreis” geschickt; das kurze E-Mail-Interview ist hier zu finden.

10 November, 2012

Morgen auf ARTE


Morgen, Sonntag, den 11.11.2012 um 21.50 h ist UNTER DIR DIE STADT, mein dritter Spielfilm, auf ARTE zu sehen (Wiederholung: Montag, 12. November 2012, 2.40 h).

Im Bild: Roland (Robert Hunger-Bühler) und Svenja (Nicolette Krebitz), akustisch verbunden. Kamera: Bernhard Keller.

05 November, 2012

Dreileben auf Eins Festival

Sehe eben, dass Eins Festival unser DREILEBEN-Projekt wiederholt (hat) – als Filmemacher erfährt so etwas leider als Letzter. So oder so, Christian Petzolds Beitrag lief bereits am 28.10. – und wird am 09.11. um 01.15 Uhr noch einmal gezeigt. Gestern abend (4.11.) war Dominik Grafs KOMM MIR NICHT NACH an der Reihe – Wiederholung heute abend, 05.11. um 00.35 Uhr sowie am 09.11. um 02.45 Uhr. Mein Film, EINE MINUTE DUNKEL, wird am 11.11.2012 zu sehen sein, um 20.15 h, sowie am 12.11. um 01.05 Uhr und am 16.11. um 04.30 Uhr. (Warum ein digitales Programm an Uhrzeiten festhält?).

Mehr dazu hier.

31 Oktober, 2012

Klare Linie

Über die „inzestiöse” Beziehung von Comics und Film wurde viel geschrieben – für mich berühren sich die beiden Medien nicht wesentlich; was die Zeichnung kann, hat mit den Möglichkeiten der in Bewegung versetzten Fotografie wenig gemein, von der Tonebene ganz zu schweigen. Trotzdem will ich an dieser Stelle ein paar jüngere Autorencomics empfehlen, die in ihrer erzählerischen Souveränität vielleicht gerade für Filmemacher interessant sind. Für Kenner sind die folgenden Titel bestimmt keine Überraschung, aber vielleicht freut sich der eine oder andere „Ignorant”.

Baru
AUTOROUTE DU SOLEIL (1995)

Ein Paukenschlag für den französischen Comic. Die Geschichte einer Flucht wird zur inneren Reise (und Reifung) eines ungehobelten Teenagers, der alles andere als ein Held, aber ein überaus lebendiges Wesen ist. Ein Comic, der sich ganz selbstverständlich und flüssig lesen lässt, auch weil Baru situativ, körpersprachlich und in der Entwicklung der Figuren einem unangestrengtem Realismus verpflichtet ist, ohne seinen Strich deshalb auf „Objektivität” zu bürsten. Ungewöhnlich war vor allem die Verortung in der politischen Gegenwart: rechtsradikale Gewalt (der Grund für die Flucht), Rassismus und die französische Migrationserfahrung spielen eine wichtige Rolle, werden aber glücklicherweise nie zu einem pädagogischen Programm.  



Rutu Modan
EXIT WOUNDS (2007)

Auch Rutu Modan erzählt politische Gegenwart, aber ihre Handlung ist verwickelter, ihre Charaktere sind neurotischer; mit großer Präzision navigiert sie durch das Minenfeld isralischer Befindlichkeiten. Zeichnerisch verfolgt Modan eine modernisierte Ligne claire, man spürt, dass der Computer hier eine gewisse Rolle spielt, nicht im Sinne von modischen Mätzchen, sondern als Werkzeug der Reduktion. 




David Mazzucchelli
ASTERIOS POLYP (2011)

Ein virtuoser, stilistisch polyphoner Meta-Comic, der über dem Spiel aber nie die Neugier des Lesers auf den Fortgang der Handlung vernachlässigt. Großartig.  




Bastien Vivès
POLINA (2011)

Vivès wird zu Recht als Wunder gefeiert. Es gibt wenige, die in der Präzision des Ausdrucks an ihn heranreichen. Aus meiner Sicht ist POLINA der bisherige Höhepunkt seines Schaffens: in der Ökonomie, der Eleganz der Zeichnung, der Fähigkeit, Menschen und ihre Bewegungen zu erfassen – und sich in sie einzufühlen.



Blain & Lanzac
QUAI D'ORSAY (2012)

Ein „Schlüsselroman” über den französischen Aussenminister Dominique de Villepin (der hier Alexandre Taillard de Vorms heißt) und der diplomatisch heissen Zeit vor dem zweiten amerikanischen Irakkrieg. Schreiend komisch und ganz offensichtlich erfahrungsgesättigt erzählen die Autoren vom Innenleben der Macht. Trotz aller Überzeichnung gewinnt man erstaunliche Einsichten in den Apparat, in die Psychodynamik der Diplomatie.



Augenblick

Im Rahmen des Festivals „Augenblick” in Straßburg wird es eine „Hommage à Christoph Hochhäusler” geben, zu sehen ist das DREILEBEN-Projekt (mit meinem Beitrag EINE MINUTE DUNKEL, 2011) sowie FALSCHER BEKENNER (2005), mein zweiter Spielfilm. Am 19.11.2012 findet ausserdem ein Werkstattgespräch statt; meine Gesprächspartner sind Valérie Carré und Till Zimmermann. Ich freue mich.

18 Oktober, 2012

08 Oktober, 2012

(Wieder-) gesehen


CARRIE (William Wyler, USA 1952)

Eine Art Edel-Melodram, sorgfältig darauf bedacht, der bitteren Geschichte (nach einem Dreiser-Roman) keine zu große Lebensähnlichkeit zu geben, so dass wir uns an Laurence Oliviers Kunst der Verwahrlosung delektieren können. Sicher eine seiner besten Leistungen. Auch Jennifer Jones glänzt in einer Rolle, die im wirklichen Leben schwer zu ertragen wäre, ein Mädchen, das keine andere Möglichkeit sieht, als sich von halbseidenen Männern aushalten zu lassen. Wylers Kunst, ihr Schicksal zwischen Unschuld und „Sünde” in der Schwebe zu halten, ist von perverser Geschmeidigkeit. Sehenswert.



MONSIEUR VERDOUX (Charles Chaplin, USA 1947)

An Chaplins Filmen hat mich oft der Hang zum Süßstoff gestört; erst Monsieur Verdoux hat mir klar gemacht, wie böse sein Witz ist. Sentimentalität gibt es auch hier, aber sie wird mit so kalter Verachtung serviert, dass sie meine Erinnerung der anderen Filme in Frage stellt. Ich muss sie mir daraufhin noch einmal ansehen. Chaplin spielt den beunruhigend nervösen Hochstapler und Frauenmörder, dem seine Grausamkeit als Notwehr gegen eine gefühllose Welt erscheint. Das verblüffende ist, dass wir ihm lange in dieser bizarren Rechtfertigung folgen, zumal er durchaus keine Lust an seinem „Beruf” zu verspüren scheint und seine Opfer denkbar unsympathisch sind. Ein Meisterwerk.



OBERST REDL (István Szabó, BRD, Österreich, Ungarn, Jugoslavien 1985)

Nicht so sehr eine Geschichte als ein Reigen von Szenen und Fragmenten, die sich erst nach und nach dramatisch zuspitzen. Gelegentlich als „Vehikel” für seinen Star abgetan findet Brandauer hier in meinen Augen zu seiner besten und subtilsten Leistung. Die Geschichte eines Aufsteigers, der trotz seiner Erfolge und Freundschaften immer wieder die Grenze, die „schlechte” Herkunft zu spüren bekommt und sich in einer so wahnwitzigen wie glaubwürdigen Wendung schließlich dafür hergibt, den Verräter zu spielen, der er nicht ist. Brandauer arbeitet die hitzige Eitelkeit des Emporkömmlings wunderbar heraus, „kühlt” sie zugleich mit einer Verlorenheit, die herzzerreissend ist.




PENDA'S FENN (Alan Clarke, UK 1974)

Alan Clarke widmet sich hier mit Liebe und Witz den verstiegenen Gedanken eines jungen Mannes, dem sich plötzlich das vor-christliche England zu offenbaren scheint. Großartig, wie mühelos hier Dämonen und Erscheinungen mit Alltag verknüpft werden, realistisch gegenüber der inneren Wirklichkeit des Helden. Trotz der bescheidenen, handgemachten Effekte enthält der Film einige der unheimlichsten Szenen, die ich je gesehen habe.



THE SPY WHO CAME IN FROM THE COLD (Martin Ritt, UK 1965)

Glamour-Kitsch und Agenten-Genre scheinen untrennbar verbunden. Martin Ritts Le Carré-Bearbeitung ist eine Ausnahme. Richard Burton spielt einen müden Mitarbeiter des britischen Geheimdienstes, der sich für ganz illusionslos hält. Als Zuschauer ist man geneigt, ihm zu glauben. Aber natürlich hält das Manöver, in dem er mitzuspielen hat, dann doch ein paar Wendungen bereit, die ihn unvorbereitet treffen – mit schmerzhaften Konsequenzen. Ein Film, der mit altmodischer Sorgfalt die Symmetrie der Systeme herausarbeitet und einen denkbar trockenen Blick auf den kalten Krieg wirft.



INSECT WOMAN (Shōhei Imamura, Japan 1963)

Die meisten Biografien werden paranoisch erzählt. Im Lichte eines Höhe- oder Schlußpunkts erscheinen alle Ereignisse als „funktionaler Rest” einer Indizienkette. Imamura hält nichts von dieser Zentralperspektive. Er erzählt die Geschichte einer Frau, die lebt. Rui (Emiko Aizawa) hat erhebliche Widerstände zu überwinden, wird vergewaltigt und misshandelt, aber darin geht ihr Leben nicht auf. Sie lebt weiter, erringt Erfolge und Niederlagen, bleibt widersprüchlich. Spät im Film (aber auch das ist kein Schlußpunkt) setzt sie das Unrecht, das sie klar erkannte, als es sie selbst betraf, fort – ohne Bewusstsein für den Fehler. Sie an dieser Stelle, die mich empört hat, nicht zu verurteilen, genau darin liegt Imamuras Humanismus: Er verweigert die Summe. Der Film ist auch formal interessant; es gibt große Sprünge, manchmal strafft sich der Rhythmus, der von keinem Ereignis dominiert wird, auf nichts „hinausläuft”, in Montagen unbewegter Bilder. Auch gibt es plötzliche Momente symbolischer Überhöhung, die dem realistischen Ton anderer Szenen widersprechen. Im besten Sinne unreines Kino.



OVERLORD (Stuart Cooper, UK 1975)

Ein erstaunlicher Film, der Imamura hätte gefallen können. Ein junger Brite steht im Mittelpunkt, der in den Zweiten Weltkrieg gezogen wird. Er lernt, was es heißt, Soldat zu sein. Ahnt, was Abschied bedeutet. Küsst zum ersten Mal – und stirbt. Aber nichts geht aus dem anderen hervor, nichts ergibt einen „höheren Sinn”, und schon gar nicht macht der Krieg oder sein früher Tod einen Helden aus ihm. Die Kriegsbilder selbst sind dokumentarisch und mischen alle Quellen, was ihnen eine seltsame Neutralität gibt, sie auch entpolitisiert. Sie unterstützen so die Perspektive des Mannes, für den der Krieg ein Schicksal ist wie eine Krankheit. Man muss ihn ertragen. Nur ein Gott könnte ihn sich zu eigen machen. Tom (Brian Sterner) ist kein Gott, er ist im Gegenteil ungemein menschlich (aber vielleicht einen Tick zu harmlos). Cooper beschreibt ihn mit einer Zärtlichkeit, die man gesehen haben muss.



I PUGNI IN TASCA (Marco Bellocchio, Italien 1965)

Eine innere Unruhe beherrscht den Film, die für Rebellion halten kann, wer mag. Für mich war es eher befremdlich, wie der Film die narzistische Enthemmung feiert, die Lou Castell zum Mutter- und Brudermörder macht. Am besten haben mir die Szenen gefallen, die in Richtung einer hysterischen Komödie gehen; die nicht bestandene Fahrprüfung und welche Konsequenzen das auf die Mordpläne hat. Im Stil der Zeit – nicht zufällig ist Brandos Bild immer wieder zu sehen – spielt Castell raubkatzenhafte, erotisch lockende Unreife. Bellocchio erklärte im Publikumsgespräch, die Wahl sei auf Castell gefallen wegen des „asiatischen Zuschnitts der Augen” - der Preis war die Notwendigkeit zu synchronisieren. Interessant scheint mir der Vergleich mit dem 40 Jahre später entstandenem BUONGIORNO, NOTTE, den man als Kommentar und Korrektur des berühmten Debüts verstehen könnte. Hier wie dort geht es um eine „Terror-Familie”, um Ideen, die zur Gewalt zwingen, um Inkonsequenz als Ausdruck von Menschlichkeit. 

01 Oktober, 2012

Neue Neue Rundschau


Die neue Ausgabe der Zeitschrift Neue Rundschau (Fischer Verlag) ist erschienen – dieses Mal mit dem Schwerpunkt Comic. Ich habe einen Text über Hans Hillmanns graphic novel FLIEGENPAPIER beigesteuert. Christian Petzold schreibt über „Hawaiian Getaway” von Adrian Tomine. In der Rubrik Carte Blanche ist der Schriftsteller (mein Drehbuch-Schreibpartner) Ulrich Peltzer vertreten.

Roberto Bolaño:

„In diesem Moment erschien der Wirt und legte ein Video ein. Dazu musste er auf einen Stuhl steigen. Von dort verkündete er: „Ich mache euch jetzt ein Video an, Kinder.” Niemand beachtete ihn. „Eine faule Bande seid ihr”, sagte er wie zum Abschied. Der Film handelte von postnuklearen Motorradfahrern. „Kenn ich schon”, sagte El Cordero, als er mit zwei Gläsern Cognac zurückkam. Das Mädchen am Kamin begann zu weinen. Ich kann es nicht erklären, aber sie war die Einzige in der ganzen Kneipe, die nicht hier zu sein schien. Ich fragte El Cordero, warum sie weinte. „Woher weißt du, dass sie weint?”, entgegnete er, „ich sehe kaum ihr Gesicht”. Ich zuckte mit den Achseln; im Fernseher brachen zwei Motorradfahrer in die Wüste auf; einer der beiden war einäugig; am Horizont ragten die Reste einer Stadt auf: die Ruine einer Tankstelle, ein Supermarkt, eine Bank, ein Kino, ein Hotel ... „Mutanten”, sagte El Cordero und dreht sich ins Profil, um ein bisschen was zu sehen.”

Aus: Roberto Bolaño „Das Dritte Reich”. Aus dem Spanischen von Christian Hansen. Hanser Verlag (S. 89)

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Ein Beispiel für „vermischte Wahrnehmung”, die unseren Medienalltag mehr und mehr bestimmt. Die Rückwirkung auf das Kino interessiert mich. Vielleicht komme ich bei Gelegenheit dazu, etwas darüber zu schreiben.

28 September, 2012

Arbeit im ideologischen Feld

Am nächsten Freitag (5.10.2012, um 20 h) werde ich zusammen mit Dirk Cieslak und Anett Hardegen in der VIERTEN WELT über den britischen Filmemacher Adam Curtis sprechen. Der Eintritt ist frei. Interessierte sind herzlich eingeladen, mitzusprechen.

Ausgangspunkt und Beispiel für die Diskussion soll Curtis' dreiteiliges Werk THE POWER OF NIGHTMARES sein (wir zeigen nur einen kurzen Ausschnitt). Im Mittelpunkt steht die Frage nach Methode und Wirkung der Filme.

In allen seinen Arbeiten verknüpft Curtis die Machtfrage („Wem nützt es?”) mit der Frage nach der Herrschaft über die Erzählung („Wer erzählt?”). Im Intro von IT FELT LIKE A KISS bringt er es auf diesen Nenner:





Der US-Kritiker Jonathan Rosenbaum, ein Skeptiker vor allem seiner Montage-Praxis, schreibt über Curtis:

 „For better and for worse, Curtis’s audiovisual arguments (...) all start very promisingly by tearing down some of the ruling myths of our era, and then arguably conclude in far too satisfying a fashion by implying that once we can shatter those myths, we’re almost as wised up as we need to be.”

... und über THE POWER OF NIGHTMARES:

„Consider just the first four sentences and the accompanying images: Initially we see what appear to be blinking bright lights on an airstrip over the sound of the wind. Then, as Curtis says, “In the past, politicians promised to create a better world. [Music starts.]. They had different ways of achieving this, but their power and authority came from the optimistic visions they offered their people,” we’re treated to rapid, disorienting, continuous camera movements in a dark and ambiguous space where people are fleetingly glimpsed in the background that eventually becomes, behind the BBC logo, an empty and overlit TV studio anchor space with a shifting backdrop that’s gripped from behind by visible fingers. Then, while Curtis continues, “Those dreams failed and today people have lost faith in ideologies. Increasingly, politicians are seen simply as managers of public life, but now they have discovered a new role that restores their power and authority,” we get a burst of TV static, another camera movement traversing an indecipherable flash of orange and yellow, a static shot of an ornate chandelier with fading lights (or is it a fadeout in a shot of a chandelier that remains lit?), and then high-contrast black and white footage of a nighttime, flag-strewn political rally that could conceivably be a clip from Eisenstein or Pudovkin. In short, you might say that Curtis is restoring power and authority to his own voice while tossing us into an intractable labyrinth.”


Die Filme von Curtis sind größtenteils im Netz verfügbar, zum Beispiel hier.


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Ich habe den Abend als beglückend empfunden, weil es wirklich ein gemeinsames Sprechen war, ein Austausch von Gedanken nicht (nur) ex cathedra sondern quer durch die Reihen, in alle Richtungen. Vielen Dank für's Kommen. Ich freue mich auf eine gelegentliche Fortsetzung.

Hier geht es zum Audio-Mitschnitt des Abends.

C.

17 September, 2012

Nicht in meinem Namen

Die Aufführung eines Filmes zu verbieten, weil er der (beliebige) Anlass für „spontane” Ausbrüche „islamischen Volkszorns” war, halte ich für falsch und gefährlich. Um so mehr, als keiner derer, die das Verbot fordern, den Film gesehen haben kann, ja seine Existenz abseits eines kruden Trailers überhaupt in Frage steht.

Das Ziel, mit Zensur im Innern aussenpolitisches Appeasement zu betreiben, widerspricht rechtsstaatlichen Prinzipien und gibt den taktischen Spielen der Provokateure auf beiden Seiten recht. Die Notwendigkeit neuer „Schranken der Meinungs- und Kunstfreiheit”, von der Innenminister Friedrich spricht, kann ich beim besten Willen nicht erkennen. Im Gegenteil wäre es angezeigt, dem Klima der Angst und Einschüchterung mit Offenheit entgegenzutreten.

Berlin, den 17.09.2012 

Christoph Hochhäusler

Diskussion: 'COMBAT'

Am kommenden Sonntag (23.09.2012, 12 h) werde ich im Arsenal (nach der Filmvorführung) mit Anke Leweke über Chris Markers DESCRIPTION D'UN COMBAT diskutieren, der 1961 den Goldenen Bären für den besten Dokumentarfilm gewann. Dieter Kosslick wird ein Grußwort sprechen. Mehr dazu hier.

Auf dem Revolver-Blog habe ich einen Text von Chris Marker gepostet, in dem er sich mit den Defiziten des deutschen Kinos beschäftigt. Ein interessanter Blick ins Jahr 1954.

12 September, 2012

REVOLVER LIVE (30) – CLOSE-UP 'ARSENAL'

E  I  N  L  A  D  U  N  G


Foto: Bill Brandt


CLOSE-UP 'ARSENAL'

Innenansichten einer modernen Kinemathek

Milena Gregor, Birgit Kohler und Stefanie Schulte Strathaus im Gespräch mit Ekkehard Knörer und Christoph Hochhäusler.


Am Samstag, den 15.09.2012 um 18 h im Centrum Hungaricum Berlin (.CHB)*,

im Rahmen von Hands on Fassbinder.

Das Berliner ARSENAL gehört zu den bekanntesten Filminstitutionen Europas. Als „Institut für Film und Videokunst e.V." betreibt es nicht nur das wichtigste Kino Berlins, sondern ist unter anderem auch in Sachen Vertrieb, Archivierung und – im Rahmen des Forums der Berlinale – als kuratorische Instanz aktiv. Die „Gralshüter(innen) der Filmkunst" – Milena Gregor, Birgit Kohler und Stefanie Schulte Strathaus stehen dem Verein gemeinsam vor – haben allerdings nicht nur mit einer dürftigen finanziellen Ausstattung und den Tücken des Standorts zu kämpfen. Es ist die Definition der Aufgaben selbst, die mehr und mehr zur kontroversen Frage wird. Angesichts eines Kinos, dessen – soziale, politische, ästhetische – Identität in Auflösung begriffen ist, wollen wir über Bedingungen, Ziele und Widersprüche einer modernen Kinemathek diskutieren.


Ziel ist ein offener Diskurs. Alle Filminteressierten
sind dazu herzlich eingeladen.


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Collegium Hungaricum Berlin (Haus Ungarn)
Ungarisches Kulturinstitut
Dorotheenstraße 12
10117 Berlin

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24 August, 2012

10 x 20

Seit gestern im Netz: die Sight + Sound-„The Greatest Films of All Time”-Poll, director's edition. Nachdem in der Printausgabe nur die Prominenz Platz hatte, kann man online nun auch einsehen, welche zehn Filme ich oder Valeska Grisebach oder Ulrich Köhler zum Beispiel auf die Liste geschrieben haben. Natürlich ist jede Aufzählung dieser Art lächerlich. Es fallen mir mindestens 19 andere Top Tens ein, die die gleiche Berechtigung haben, aber natürlich genauso ungenügend sind. Im besten Fall sind sie eine Anregung, Unbekanntes zu entdecken, auch wenn meine Auswahl (das heißt eben auch: meine Seherfahrung) erschreckend kanonisch und sehr euro- und US-zentrisch ist.


John Gianvito schreibt richtig: "Obviously we know that there is no such thing as the ‘ten greatest films’, nor could anyone on the planet ever see more than a fraction of all the moving pictures generated to fairly pass judgement. What the game of lists affords is the opportunity to revisit and ruminate on those values one holds dear and to share one’s enthusiasms."

Hier also meine Sight + Sound-Liste in chronologischer Reihenfolge und mit kurzen Kommentaren: 

FRITZ LANG
Lang, a restless genre innovator, created not only the first serial killer thriller, but arguably the best. The script is torn between fantasy and research, but Lang is up to the challenge, the diverging elements merge in a productive, dialectical way. And of course: Peter Lorre rules.

ERNST LUBITSCH
TROUBLE IN PARADISE (USA 1932) 
As Truffaut wrote so fittingly: "Dans le gruyère Lubitsch, chaque trou est génial" ("In the Lubitsch Swiss cheese, each hole winks"). For Lubitsch, cinema works like erotism: the fun for the spectator is to complete the picture. But despite the exquisite elegance of the mise-en-scène and the delightful treatment of dialogue: Lubitsch is very sober and realistic when it comes to human folly. You will not find a single scene in his impressive body of work glossing over the desperate underpinnings of human condition. He never is sentimental. Among Lubitsch's many great films, TROUBLE is my favorite because of it's one-of-a-kind balance between the most stylish movieland abstraction and sharp contemporary oberservation; it's perfectly cast and witty in every detail. One reason I am so much in love with the film might be the fact that my "territory" in films is quite far away.

JOHN FORD
GRAPES OF WRATH (USA 1939) 
Ford at his most contemporary. He seems to be genuinely involved in GRAPES, reaching out, some scenes are open propaganda for Roosevelt's new deal - but of course with Ford even dust bowl is mythical territory. Henry Fonda is so pure it hurts.

JEAN RENOIR
LA REGLE DU JEU (FRANCE 1940)
Renoir's greatness seems more than with any other movie director I know of connected with his inner self. It's Renoir's own generousity that breathes through his films. Arguably, he is the most human of all filmmakers. RULES is the perfect example: it's a film where „everyone has their reasons”, including not only Ovtave (the character Renoir impersonates) but the filmmaker himself. Renoir's craft is uneven by design - it really is his handwriting.

LUCHINO VISCONTI
OSSESSIONE (ITALY 1942) 
 Maybe the film I think of most often when it comes to questions of my own filmmaking. I admire Visconti's ability to bring the gods down to earth. Unlike the English tradition of "realist" cinema Visconti is not about small things – even a drifter in the Po valley faces destiny. Very daring: the way Visconti links heterosexuality to possession and homosexuality to the lack there of - both in a figurative and direct sense. I will never forget the first encounter between Gino and Giovanna, her imediate adoration for him: "You are built like a horse.”

MICHELANGELO ANTONIONI
L'ECLISSE (ITALY 1962)
Antonioni at his most precise. Film as a tool to register not only people but buildings, furniture, arbitrary things, time cristalls that reflect our life. The ending is the apothesis of modernist filmmaking!

ANDREI TARKOVSKI
ANDREY RUBLYOV (UDSSR 1966)
The biggest canvas painted by a truly personal filmmaker. The bell episode is a shattering, fantastically realized metaphor for artistic expression. A miracle of filmmaking, unthinkable in cinema today.

FRANCIS COPPOLA 
THE GODFATHER (USA 1972)
A film about family, disguised as a Gangster picture. A constant inspiration.

DAVID LYNCH
WILD AT HEART (USA 1990)
Arguably the most American of all filmmakers, Lynch is a poet of violence and artifice, embracing the beauty of strange. WILD is his "personal journey through american movies", a dark ride into the night. The single most important contemporary film for me.

APICHATPONG WEERASETHAKUL
TROPICAL MALADY (THAILAND 2004)
A proposal for a tender cinema, enchanting and modest. 



Hier sind 19 Alternativen:

21 August, 2012

Vermischtes

Mein Spielfilmprojekt LICHTJAHRE (Arbeitstitel) befindet sich gerade in der Finanzierung und soll 2013 in Produktion gehen. Der Berlin-Thriller, der von einem Journalisten handelt, der in die Machtsphäre einer Lobby gerät, entsteht in Koproduktion mit dem WDR. Das Drehbuch habe ich zusammen mit Ulrich Peltzer geschrieben. Produktion: Bettina Brokemper, Heimatfilm Köln.

Die FFA hat mein Drehbuchvorhaben KALTE SCHULTER gefördert. Das Drama spielt 1941 in einer französischen Provinzstadt. Im Mittelpunkt steht eine Mutter, die sich – in der Absicht ihren Sohn zu schützen – auf einen Handel mit den Deutschen einlässt.

Der September „gehört” Dominik Graf. Eine Werkschau im Berliner Zeughauskino zeigt vom 1.-17. einen Querschnitt seines vielfältigen Werkes, 25 Filme insgesamt. Am 8. September um 20 h – zwei Tage nach dem 60. Geburtstag des Regisseurs – wird er dann auch persönlich anwesend sein, anlässlich der Vorstellung des Buches „Im Angesicht des Fernsehens” (hg. von Chris Wahl, Marco Abel, Jesko Jockenhövel, Michael Wedel), das aus 16 unterschiedlichen Perspektiven ein vielschichtiges Werkporträt Grafs entwirft. Ich habe ein Vorwort beigesteuert.

Am 15. September findet im Rahmen der Revolver-Veranstaltungsserie Hands on Fassbinder ein neues Revolver Live statt, im CHB. Zu Gast sind Milena Gregor, Birgit Kohler und Stefanie Schulte Strathaus (Arsenal – Institut für Film und Videokunst). Der Arbeitstitel des Gespräches – das ich zusammen mit Ekkehard Knörer moderieren werde – lautet: „Bedingungen, Ziele und Widersprüche einer modernen Kinemathek”. Mehr dazu demnächst.

Am 26. September erscheint eine neue Ausgabe der Zeitschrift Neue Rundschau (Fischer Verlag), dieses Mal mit dem Schwerpunkt Comic. Ich habe einen Text über Hans Hillmanns graphic novel FLIEGENPAPIER geschrieben. Christian Petzold ist auch vertreten; er schreibt über „Hawaiian Getaway” von Adrian Tomine.

„Arbeit im ideologischen Feld”: Am 5. Oktober werde ich zusammen mit Dirk Cieslak und Anett Hardegen in der VIERTEN WELT über den britischen Filmemacher Adam Curtis sprechen. Ausgangspunkt ist dessen dreiteiliges Werk THE POWER OF NIGHTMARES, das am 20. September auch Thema einer Performance ist.

17 Juni, 2012

Wir

Apropos „Wir” im deutschen Kino: ein befreundeter Filmemacher meinte kürzlich im Gespräch, er lese Parallelfilm (und Revolver) gerne, stosse sich aber immer wieder an einer „tendenziell nationalen” Perspektive, um dann (sozusagen) die Internationale zu singen, von wegen der Film als universelles Medium und die cineastischen Wahlverwandtschaften, auf die es ankäme. Ich habe entgegnet, dass Sprache, Lebensverhältnisse und natürlich auch Produktionsbedingungen spezifisch und prägend seien, was mir nicht zuletzt auffiele, wenn ich im Ausland über meine Filme sprechen müsse. Aber ich gebe gerne zu, dass ich darüber hinaus auch einfach daran interessiert bin, was uns ausmacht, hier und jetzt – im Sinne einer Erforschung unserer (sich ständig wandelnden) kulturellen Identität. „National” macht das meine Perspektive noch nicht, denke ich. Aber ich glaube fest daran, dass universell nur sein kann, was kulturell spezifisch ist. Was denkt ihr?

16 Juni, 2012

Unter Vorbehalt


KOLBERG (Veit Harlan, Deutsches Reich 1945) habe ich im Zeughaus gesehen kürzlich, mit Pflicht-Einführung. Eine Spielfilm-Paraphrase zu Goebbels Sportpalastrede, in Agfacolor. Der Satz „Nun, Volk, steh auf, und Sturm, brich los” war wohl tatsächlich so etwas wie der Ausgangspunkt des Projekts. Für die Totalisierung des Krieges – auf Wunsch des Volkes selbst! – steht Heinrich George, „Bürgerrepräsentant” Nettelbeck, der mit Bauernschläue und einigem Witz gegen einen Kommandeur alten Schlages ankämpft (Paul Wegener), der den Krieg für eine Sache des Militärs hält und angesichts der französischen Überlegenheit an Kapitulation denkt. Dieser Konflikt – was wen angeht und warum – ist das Herz des Films. Fast könnte man sagen, es gehe um die „Demokratisierung” des Krieges. Kristina Söderbaum spielt mit schwer erträglichem Pathos eine deutsche Bauerstochter die „alles” verliert (einschliesslich des „entarteten” Bruders, eine hetzerisch gezeichnete Künstlerfigur), jedoch nie an der deutschen Sache zweifelt und todesmutig / unter Einsatz ihrer weiblichen Reize durch die Linien des Feindes eine Botschaft an den Hof bringt. Der Auftritt der Königin ist ausserweltlich, erinnert an die Fee in WIZARD OF OZ, den Harlan gesehen haben könnte. Für einen Augenblick vergisst sich der Film an dieser Stelle, merkwürdig. Je weiter die Handlung dann voranschreitet, desto stärker drängt die Gegenwart der Jahre 1943/44 ins Bild. Gneisenau, gespielt von Horst Caspar, erinnert nicht nur in der Diktion an Goebbels, er darf wie im Sportpalast die Masse agitieren, „Volk steh auf” inklusive – ein idealisiertes Selbstportrait des Propagandaministers, auf dessen Initiative der Film entstanden ist. Am meisten beschäftigt hat mich an dem Film das „Wir”, die „Volksgemeinschaft”, die man zwar nur ornamental summarisch zu sehen bekommt (ein enormes Aufgebot an Statisten angesichts der realen Kriegslage), die aber durch Georges Anwaltschaft doch einigermassen ergreifend den Sehnsuchtshorizont des Filmes bildet. So verlogen dieses „Füreinander” im Kontext seiner Entstehung ist, so auffällig ist die völlige Abwesenheit eines „Wir” im westdeutschen Nachkriegskino, bis heute eigentlich.

(Wieder) Gesehen:


VENGEANCE IS MINE (Shôhei Imamura, Japan 1979)
Imamura geht mit dem Messer durch die japanische Gesellschaft. Was im Schnitt zu Tage tritt ist grausamer als der Mann, dessen Gewaltserie die Bewegung des Films bestimmt. Ein verstörendes Meisterwerk.


POSSESSION (Andrzej Zulawski, Frankreich-Deutschland 1981)
Tänzerischer, wahnwitziger Horror. Schon die ersten Einstellungen machen klar: Zulawski liebt das Monster Berlin. Das andere Monster ist dann so etwas wie eine Zugabe... Unvergesslich: wie Adjani im U-Bahnhof (Platz der Luftbrücke) dem Wahn verfällt, sich windet, zuckt und zerrt, die Milch an der Wand. „Hysteroid”.


DÉMANTY NOCI (Jan Nemec, Tschechien 1964)
Eine Flucht, ein Strom an Bildern, Erinnerungen, Splitter, der Rhythmus des Laufens, Hindernisse, Verfolger, Hunger, Schmerz. Vergeblich. Von deutschen Greisen, launigen alten Jägern, werden die tschechischen (jüdischen) Sträflinge schließlich gefangen. Ein tödlicher Kontrast.


UNE AFFAIRE DES FEMMES (Claude Chabrol, Frankreich 1988)
Trügerischer Konventionalismus. In den ersten zehn Minuten habe ich alle Hoffnung fahren lassen, der Film könnte „besonders” sein. Aber die Bescheidenheit der Mittel erweist sich als richtig. Es geht um eine vulgäre Frau, gespielt ohne jeden Rabatt, Isabelle Huppert und Chabrol schielen nicht auf Sympathien. Gerade deshalb ist das Schicksal der Frau – das Vichy-Regime gebraucht sie als Exempel – so stark und empörend.


MARKETA LAZAROVÁ (Frantisek Vlácil, Tschechien 1967)
Das Mittelalter als Gedicht. Raunen und Flüstern, die Sprache schwebt, trifft nur gelegentlich die Lippen. Aber die Szenen sind alles andere als Idyllen. Wölfe im Winter. Überfälle. Aberglaube. Ein Tyrann im Dunkeln. Eine Romanze neben dem Schrecken. Ich habe selten eine Einfühlung in die Ritterzeit gesehen, die so glaubwürdig war.


BLACK RAIN (Shôhei Imamura, Japan 1989)
Ein täuschend „japanischer” Film zunächst, aber im Kleid der Zurückhaltung dringt der Schrecken noch tiefer. Der Schrecken, das ist Hiroshima, oder besser: das sind die Anderen. Alles dreht sich um eine (unterstellte) Vergiftung, eine Krankheit, die man nicht sehen kann und die alles zersetzt: Gemeinschaft, Hoffnung, Liebe. Der Film wird so im Verlauf immer expressiver, unklassischer, der Zweifel setzt sich in der Form fort.


CSILLAGOSOK, KATONÁK (Miklós Jancsó, Ungarn 1967)
Nachdem mich SZEGÉNYLEGÉNYEK ergriffen, begeistert, verändert hat, war dieser so ähnliche, direkt danach entstandene Film eine große Enttäuschung. Alles ist Vorwand hier - für ein formales Programm, das sich längst abgelöst hat von seinem Gegenstand. Die geschichtsphilosophischen (Anti-Kriegs-) Pointen sind stumpf, der Plot ist ornamental. Schade.


YEAR OF THE DRAGON (Michael Cimino, USA 1985)
Ein interessanter Hybrid. Auf der einen Seite eine altmeisterlich bestechende Handwerklichkeit, wie sie in Hollywood heute unbekannt ist. Die Regie der Massenszenen ist kraftvoll und genau, die Dialogszenen sind elegant choreographiert, wobei der Film nicht so sehr auf einen fliessenden Zusammenhang als auf ein Nebeneinander der Szenen oder set pieces aus ist. Auf der anderen Seite stehen pathologische Comic-Charaktere (Drehbuch: Oliver Stone) die auf den Schienen des Plots fahren wie Skelette in der Geisterbahn. Mickey Rourke als „Stanley White”, eine Art gewaltbessesener Supercop, kann sich vor lauter Machismo kaum bewegen; sein love interest (gespielt von Ariane) ist die entsprechende Männerfantasie, kippt zwischen Mutter und Hure, Profi und Amateur... sehr 80er Jahre.


POETRY (Lee Chang-Dong, Südkorea 2010)
Ein Film, der ziemlich glatt aufginge in den Erwartungen des gehobenen Arthouse-Kinos – eine Frau findet Poesie, während sie ihr Gedächtnis verliert – wäre da nicht diese Darstellerin (Yun Junghee), die den gesuchten Konflikten und herbei konstruierten Wendungen der Rahmenhandlung (Vergewaltigung, Sprachlosigkeit, Verdrängung), die die Süße der titelgebenden Idee kontern soll, ganz ungefällig und eigensinnig begegnet. Alles passiert ihr, sie ist eine staunende Fremde in ihrem Leben, und mit dieser Reserve rettet sie den Film vor der Prävention.

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Eine Zugabe, die nicht ganz in die Reihe passt:


RESCUE DAWN (Werner Herzog, USA 2006)
Ein Film, der „einfach nur” seine Geschichte erzählen will. Die wahre Begebenheit ist tatsächlich „unglaublich”, die Schauspieler sind großartig, Christian Bale liefert im wahrsten Sinne eine tour de force, aber filmsprachlich geht Herzog hier einmal mehr zu Fuß. Das betrifft nicht nur die Kameraarbeit, die sozusagen „dokumentarisch” auf das reenactment des Tatsachenberichts reagiert und in gelegentlichen Landschaftsschwenks an beliebige Natur-Dokus erinnert – sondern auch die Charakterzeichnung, die szenische Ausgestaltung. Alles ist linear und additiv, verdichtet sich nie zu einer Metapher, die über ein großgeschriebenes „Überleben!” hinausginge.