28 November, 2010

Storytelling

The former polish president, Aleksander Kwasniewski, who served for 10 years, said the best way to describe Poland today was with a short story:

“A group of children say to a rabbi, ‘Please tell us in a few words what the situation is,’ ” and the rabbi answers, ‘Good.’

“The children say, ‘Perhaps you can use a few more words, and the rabbi responds, ‘Not good.’ ”

The former president laughed, but then said that the story was not funny.

(Aus einem Artikel der NYTimes)

27 November, 2010

Der Kosmos als Kino

„Richtigerweise nahm [Felix Eberty] an, dass ein Lichtstrahl, der die Erde am Karfreitag des Jahres 30 n.Chr. Geburt verlassen hat – ideale Beobachtungsbedingungen vorausgesetzt –, sich noch immer im Kosmos vorwärts bewegt, und zwar von uns weg. Insofern sei alle Vorgeschichte im Weltall aufbewahrt auf den Schienen des Lichts. Die ganze Weltgeschichte sei folglich als BEWEGTE BILDFOLGE (das Wort Kino kannte Eberty nicht) im Kosmos unterwegs.”

Aus: „Der Kosmos als Kino”, eine Geschichte in Alexander Kluges „Geschichten vom Kino” (Suhrkamp 2007, S.44). Der Künstler Clemens von Wedemeyer zitiert diese Stelle in einem Text über seine Kino-Installation Sun Cinema in Mardin, Türkei. Ebertys Idee vom 'Kosmos als Kino' fasziniert mich - deshalb dieser Repost.

Drei Berliner Vorpremieren:


IM ALTER VON ELLEN (Pia Marais, 2010)

Donnerstag, 2.12.2010 - 21.30 h (im Babylon Mitte, im Rahmen des Festivals Around the World in 14 Films). Trailer: Hier.


LA LISIÈRE - AM WALDRAND (Geraldine Bajard, 2010)

Freitag, 3.12.2010 - 20.30 h (Cinéma Paris)
Sonntag, 5.12.2010 - 18.00 (FaF)
Dienstag, 7.12.2010 - 20.30 (Passage Neukölln)
Im Rahmen der 10. Französischen Filmwoche.


GLÜCKLICHE FÜGUNG (Isabelle Stever, 2010)

Donnerstag, 16. 12. 2010 - 21:15 h (Babylon Mitte)

Unglücklicherweise kommen IM ALTER VON ELLEN und GLÜCKLICHE FÜGUNG zur gleichen Zeit ins Kino, nämlich am 20.01.2011. LA LISIÈRE startet am 14.04.2011.

26 November, 2010

Mehrschichtkuchen

Gestern hat sich nach der Vorführung im Kino der HFF „Konrad Wolf” ein Gespräch entsponnen um das Thema „Mehrschichtkuchen”. Sollte man, fragte ein Student, nachdem ich von verschiedenen möglichen „Lesetiefen” gesprochen hatte, meinen Film betreffend, sollte man versuchen, Filme gezielt so anzulegen, dass sie auf verschiedenen Ebenen verschiedene Bedürfnisse ansprechen? Sollte man einen Mehrschichtkuchen backen, der mit dem Zuckerguss die „Kleinen” und mit der Füllung die „Großen” anspricht (meinetwegen in ein- und derselben Person)? Dahinter steht die größere Frage, wie kalkuliert man überhaupt mit den Wünschen der Anderen umgehen kann und soll. Hallo Zielgruppe! Während mir nichts verhasster ist als die verfilmte Marktforschung und ich es übelnehmerisch finde, mit dem Publikum zu rechnen, habe ich durchaus mein Vergnügen an unreinen Mischungen...


Siehe auch: *

Jafar Panahi an seine Richter


Ein Bild aus Panahis scharfsichtigem TALAYE SORKH (Iran, 2003).

Der iranische Regisseur Jafar Panahi, der drei Monate ohne Anklage eingesperrt und am 25. Mai diesen Jahres auf Kaution freigelassen worden war, muss sich zur Zeit vor Gericht verantworten. Die Anklage, ganz offensichtlich politisch motiviert, spricht vage von „Obszönität” und wirft Panahi staatsfeindliche Aktionen vor. Hier sein Plädoyer, in englischer und französischer Sprache.

Update: die deutsche Version hier.

22 November, 2010

Bild als Virus



ULYKKE von Nic Brown (via) - ein Video, das Artefakte zum ästhetischen Programm macht, die man im Alltag als Fehler wahrnimmt. Interessant finde ich das Unbehagen, das diese Strategie auslöst. Im Zusammenhang mit dem - in vielerlei Hinsicht ähnlichem - Kurzfilm PRESERVING CULTURAL TRADITIONS IN A PERIOD OF INSTABILITY von Thomas Draschan & Sebastian Brameshuber habe ich geschrieben „Ein Film der Latenz, der ahnen lässt, welche Kreaturen in Zukunft aus dem Meer der Zeichen steigen könnten.” Klingt reichlich nebulös, aber das Gefühl einer nur ahnbaren Zukunft ergreift mich hier wieder.

21 November, 2010

Album



Eben habe ich (auf raumsprache.blogspot.com) ein Album angelegt, das einen Überblick erlaubt über 40 deutsche Filme der letzten 15 Jahre, die oft und gerne der Berliner Schule zugerechnet werden. Klingt schwer nach Jubiläum, ist aber ganz informell gemeint, als Werkzeug der Besinnung sozusagen.

(Auf das Bild oben doppelklicken, um es zu vergrößern)

14 November, 2010

Heft in Sicht!



Heft 23, das Anfang Dezember erscheint, enthält Interviews mit Claire Denis, Jean-Pierre + Luc Dardenne (zweiter Teil unseres auf zwei Ausgaben angelegten Schwerpunktes zum französischen Kino), ein Gespräch mit Lutz Dammbeck, Texte von Miguel Gomes und Matthew Porterfield sowie eine Postkarte von Sylvette Baudrot.

Abonnieren / Bestellen: Hier.

Website: www.revolver-film.de

13 November, 2010

(Wieder-) Gesehen:


BUONGIORNO, NOTTE (Marco Bellocchio, I 2003)

Eine „wahre” Geschichte, die sich von den Tatsachen nicht einschüchtern lässt, ein Film jedoch, dessen poetische Erfindungen nicht gegen die Dimension des Politischen arbeiten, sondern für sie. Erschütternd, der Moment, in dem Chiara (Maya Sansa), deren Perspektive den Film führt, die Symmetrie des Terrors von links und rechts begreift. Genial: der Einsatz der Musik, von Verdi bis Pink Floyd.


IL DIVO (Paolo Sorrentino, I 2008)

Sorrentino ist ein virtuoser Arrangeur rhythmischer Effekte, er reiht Ausrufezeichen an Ausrufezeichen, will radikal, enthüllend, überwältigend sein. Aber sein Andreotti ist eine leblose Karikatur, seine Beschreibung italienischer Politik nebulös. Von der politischen und gedanklichen Schärfe Bellocchios ist er weit entfernt. Jede Einstellung schreit „Bravura”, beweist aber nur sich selbst. Das Ergebnis ist ein großer Bahnhof filmischer Mittel, die ziellos bleiben. Ärgerlich.


CARLOS (Olivier Assayas, F 2010)

Noch ein „Politfilm”, gerade im Kino. Assayas' elegante Regie wird zurecht gelobt, aber unbefriedigend bleibt für mich die additive Dramaturgie, die nie wirklich über das Beweisbare hinauswill und jenseits des journalistischen keine politische Idee entwickelt - und nicht zuletzt Carlos selbst, durchaus überzeugend gespielt von Édgar Ramírez, aber als Charakter ein leeres Zentrum, in der Summe seiner Taten unbestimmt.


THE FURIES (Anthony Mann, USA 1950)

Halb blühender Unsinn, halb geniale Charakterstudie, die sich an und mit Barbara Stanwyck entzündet, die hier leuchtet wie selten. Ich weiss nicht, ob ich Robin Wood zustimmen kann, der (im Booklet der Criterion-DVD) schreibt, der Film gewinne mit seinen Fehlern zusätzlich an Faszination; in jedem Fall können die Untiefen den Höhepunkten dieser unbequemen Mischung aus Western und Melodram nichts anhaben.


CARRIE (Brian De Palma, USA 1976)

Für mich De Palmas überzeugenster Film, der im Horror nur Komödie sehen kann (und umgekehrt), in den gesuchten Überhöhungen (extreme Zeitlupe, Sternfilter usw.) kein Mass kennt, im Exzess seiner Mittel aber so bewusst und so lächerlich ist, dass ein „einfacher” Konsum fast unmöglich scheint. Amerikanische Dialektik, mit einer großartigen Sissy Spacek.


KLARAS MUTTER (Tankred Dorst, D 1978)

Es wäre interessant, De Palmas Film im Double Feature mit Dorsts in jeder Hinsicht komplementären Debüt zu sehen, der eine verwandte Geschichte erzählt (die starke Mutter, die sich gegen die Gesellschaft stellt, die Tochter, die unter der Differenz - in die sie hineingeboren wurde - leidet; die Eifersucht zwischen den Frauen, die Sehnsucht der Kleinstadt nach einem Umsturz, und wie er sich gegen sie selbst wendet, das Schweineblut und das wirkliche ...), aber - mit „europäischer Sensibilität” - etwas ganz anderes erreicht.

*


Passt in diesen Reigen mehr oder weniger politischen Kinos:


UNITED RED ARMY (Wakamatsu Koij, J 2007)

Siegen lernen

Stellen wir uns folgende Situation vor: Die Spitzen eines Unternehmens sind in einer Berghütte zusammengekommen, um in der Abgeschiedenheit eine radikale Strategie zu beschliessen, die den Markt aufmischen und vor einer feindlichen Übernahme schützen soll. Die Klausur wird flankiert von einer Art paramilitärischem Training, um die Teilnehmer auch körperlich auf den erwarteten „totalen Krieg” vorzubereiten. Solcherart konditioniert wird aus der Fehlersuche – eine Reihe von Zielvorgaben sind im letzten Quartal unterschritten worden – eine mörderische Angelegenheit. Vermeintliche „Versager” werden psychologisch demontiert und schliesslich körperlich attackiert. Nach und nach kommen so 14 junge Führungskräfte zu Tode.

Der Film JITSUROKU: RENGO SEKIGUN ASAMA SANSO E NO MICHI (United Red Army) handelt natürlich nicht vom Wirtschaftskrieg, sondern von einer radikalen linken Gruppierung in Japan, die sich im Februar 1972 einer mörderischen „Selbstkritik” unterzogen hat, bevor sie von der Polizei entdeckt und in einer zehn Tage dauernden Belagerung überwältigt wurde. Aber die Parallelen zur Rhetorik von Effizienz und Aggression, die uns heute täglich serviert wird, sind unübersehbar.

Zur Erinnerung: „Die Angestellten des Technocentre von Renault bei Paris stehen unter Schock. Sie erfuhren am Dienstag, dass sich einer ihrer Kollegen, ein 38-jähriger Ingenieur, am Freitag in seiner Wohnung erhängt hat. Er arbeitete an dem neuen Modell Laguna, das im nächsten Jahr auf den Markt kommen soll. Dies ist bereits der dritte Angestellte des Technocentres, der sich innerhalb der letzten vier Monate umgebracht hat.” (Aus einem Artikel von Fabian Kröger)

In einer Szene wird eine junge Frau, die auffällig geworden war, weil sie sich an den paramilitärischen Übungen nur halbherzig beteiligt hat, über ihre Motive befragt. „Warum hast du dich heute geschminkt?” „Warum hast du die Kleidung gewechselt?” „Warum bist du hier?” heisst es wieder und wieder – und das Verrückte ist, dass durch die inquisitorische Insistenz nach einer Weile wirklich jede Handlung und jede Antwort verdächtig erscheint.
Die stalinistische (oder maoistische?) Praxis der „Selbstkritik” ist der dunkle Strom, der das vermeintlich so rationale Gebäude der kommunistischen Revolution, von der so viel die Rede ist, unterspült und zum Einsturz bringt. Während die jungen Aktivisten in Phillippe Garrels LES AMANTS RÉGULIERS (F 2005) zum Beispiel selbstdarstellerisch von der Liebe sprechen / das Sprechen lieben, wird die Kommunikation hier zu einer Art ritueller Autoaggression, die alles Individuelle ausmerzen soll.

(Geschrieben für das DIE ZEIT Berlinale Blog 2008).

11 November, 2010

10 November, 2010

Street View Poetry



Zum modernen Zeitvertreib gehört es, sich die Häuser flüchtiger Bekannter via Google anzusehen. Manchmal haben diese automatischen Bilder einen fremden Zauber. Ferne Gegenwart! Ich stelle mir ein Leben vor, das vor diesem Garten spielt...

( Das Bild zeigt den Street View einer Adresse in Los Angeles.)

Die Frage

Wenn mir meine Tochter - sie ist vier - eine ihrer Zeichnungen zeigt, liegt die Frage nahe (ich habe sie im Ohr), was denn dieser oder jener Strich bedeuten solle.

Sie ist um eine Antwort nicht verlegen, aber ich bereue meistens, gefragt zu haben, einfach weil eine Zeichnung ja nicht notwendigerweise etwas bedeuten muss.

Warum ich trotzdem frage? Vielleicht, weil ich mit ihr sprechen möchte, über einen Gegenstand, den sie hervorgebracht hat.

So oder so, diese Suggestion: der Künstler muss uns etwas „sagen” oder zeigen wollen, etwas Gegenständliches, Wiedererkennbares, lenkt die kreative Anarchie zuverlässig in konventionelle Bahnen, verzweckt sie sozusagen.

Dabei liegt die Lust an einer Zeichnung doch weder für den Künstler noch für den Betrachter im Transport.

Spätestens wenn alles eindeutig erkennbar ist, ist die Kindheit zu Ende, scheint mir...

07 November, 2010

Remix Disney


via

Das Video-„Mashup”, der Remix, die kreative Umdeutung oder -kehrung bestimmter Standards der Popkultur ist zu einem festen Bestandteil der Netzkultur geworden - und begeistert mich. Hier zum Beispiel treffen sich Schneewitchen und Dancefloor...

03 November, 2010

Was ist sentimentales Kino?

Ein Kino der gemachten Gefühle, für ein Publikum, das sich in seiner Rührung gefällt.

Was unterscheidet die gemachten Gefühle von den „wahren”?
Das gemachte Gefühl ist nicht empfunden, sondern auf Wirkung berechnet. Der „Erfolg” des sentimentalen Kinos ist die Träne im Auge des Zuschauers, nicht die angemessene Darstellung. Die wahren Gefühle dagegen sind unzuverlässig.

Typische Kennzeichen?
Ein Gerechtigkeitsgefälle („Unschuld in Not”), das nach Massgabe seiner emotionalisierenden Wirkung individualisiert und zugespitzt wird, während man den politisch-sozialen Boden absichtsvoll verunklärt. Eine Musik, die sich als Hirtenhund des Fühlen-müssens geriert - und uns zu Lämmern macht.

Was ist daran schlecht?
Das sentimentale Kino will aus einer menschlichen Schwäche Kapital schlagen, rechnet mit der Eitelkeit (und dem Gefühlshunger) seines Publikums. Das ist nicht nur unethisch, sondern steht auch einer Verschärfung des Wirklichkeitsbegriffes im Wege, um die es gehen muss.

Was heisst „Verschärfung des Wirklichkeitsbegriffes”?
Ich glaube an ein Kino als poetisches Werkzeug, das unsere Vorstellung davon, was wirklich ist, präzisieren hilft.

Warum sind so viele Filme sentimental?
Es ist eines der gängigen Opiate des Kinos. Ein süsses Gift, das sich zwischen Selbst- und Weltwahrnehmung drängt. Es ist populär bei vielen Filmemachern, weil es Macht über den Zuschauer bedeutet. Es ist populär bei vielen Zuschauern, weil die Rührung Empfindsamkeit und Anteilnahme vortäuscht, die sie im Leben vermissen. Diese Gefühlsbeute im Schicksalsnebel wird deshalb oft und gerne mit dem „großen Kino” verwechselt, das uns ja angeblich fehlt. Ich glaube im Gegenteil, dass falsche Gefühle der Tod des Kinos sind - und sehne mich nach den Echten.


Nachtrag:
Bin in der U-Bahn eben meine Favoriten durchgegangen und habe mich gefragt, wie belastbar meine Kritik ist. Für jeden verehrten unsentimentalen Regisseur - Ernst Lubitsch zum Beispiel, Luchino Visconti, Orson Welles, Alfred Hitchcock fallen mir ein - könnte ich einen sentimentalen nennen, dessen Filme ich dennoch liebe. Was ist mit John Fords SHE WORE A YELLOW RIBBON? Vielleicht wäre in Sachen Ford noch eine Verteidigungslinie zu finden, aber Vincente Minellis MEET ME IN ST. LOUIS ist bestimmt sentimental - und trotzdem großartig. Vielleicht kann eine solche Pauschalierung nicht funktionieren ... Weiterdenken.

Siehe auch: Gefühlsindustrie?

01 November, 2010

Bechergröße


Eine haarige Angelegenheit: Kritik-Kritik.

Nachdem ich heute drei mal dieselbe Filmkritik des selben Autors in drei verschiedenen Bechergrößen habe lesen dürfen - die Frage, ob es nicht an der Zeit ist, den „amphibischen” Journalismus zu kritisieren. Ich weiss, die Zeiten sind schlecht, das Zeilengeld reicht nicht fürs Mindeste - aber im Baukastensystem wieder und wieder die selbe Metapher einzusetzen, einmal mit Begründung, einmal ohne - das kann es nicht sein. Ein guter Text hat keine beliebige Länge.

Ein bisschen wundert mich, warum sich bisher, dem Netz und seinen Möglichkeiten zum Trotz, keine Kritik der Kritik etabliert hat. Ich meine nicht das pauschale Schimpfen auf die „Journaille” (was in der Branche gerne betrieben wird), sondern die differenzierte Auseinandersetzung mit dem Schreiben anderer, die Weiterentwicklung wichtiger Argumente, der Streit, aber natürlich auch, wo nötig, die Benennung bestimmter Korruptionspraktiken, die Konter-Recherche.

Denn ja, ich glaube an die Bedeutung der Kritik als einer Werkstatt der Begriffe...