Der nachfolgende Text ist zehn Jahre alt, enthält aber doch den einen oder anderen aktuellen Gedanken, finde ich. Entstanden ist er im Rahmen des Studiums an der HFF München. Er war bisher auf dem Nachbarblog zu lesen, das ich gerade „aufräume”.
Techniken der Previsualisierung am Beispiel von Coppolas „One From the Heart”
Von Christoph Hochhäusler (2003)
I
Die Techniken der Filmherstellung haben sich nach den ersten Jahren der fortwährenden Erneuerung und Innovation überraschend schnell konsolidiert. Spätestens mit Einführung des Tonfilms Ende der 1920er Jahre waren die Zeiten der Patentstreitigkeiten (man denke nur an Edisons Versuche, „seine Erfindung Kino” patentrechtlich zu schützen), der Format- und Frequenzabweichungen ausgestanden. Der sich damals herausbildende Standard 35 mm mit seinem 24-Bilder-Dogma ist bis heute (mit Abstrichen) gültig und seine Ablösung ist - zumindest in der Projektion - in der nächsten Zukunft noch nicht zu erwarten. Auch in den filmhandwerklichen Abläufen, den Hierarchien und Zuständigkeiten hat sich sehr wenig verändert. „Das modernste Medium” hat früh einen hartnäckigen Konservatismus entwickelt, der es immun gegen die Modernisierungswellen gemacht hat, die andere Industrien zur gleichen Zeit nachhaltig verändert haben. Nicht, dass es an Prognosen gemangelt hätte, die einen neuen Standard vorhersagten. Auch hat es immer wieder Versuche gegeben, „technisch überlegene” Sonderformate zu etablieren, man denke nur an die Fülle konkurrierender Breitwandtechnologien seit den 1950er Jahren (VistaVision, CinemaScope, WarnerScope, 65 mm, Imax usw.). Aber die Tatsache der großen Synergien, die ein einheitlicher Standard mit sich bringt, hat in dem teuren Medium Film immer für eine Trägheit gesorgt, die ein einzelner technischer Vorteil nicht überwinden konnte. Nicht zufällig hat deshalb die seit vielen Jahren verkündete und heute konkret zu beobachtende „Digitale Revolution” erst mit dem Argument geringerer Kosten jenen strategischen Brückenkopf erobert, der es uns heute erlaubt, ohne jeden Zweifel über ihre Vollendung zu spekulieren.
II
Als Francis Ford Coppola im April 1979 anlässlich der Oscarverleihung von der technischen Zukunft des Films sprach, war er sich dieser Trägheit der ihn umgebenden Industrie sicher bewusst. Aber nach seinen damals beispiellosen Kassenerfolgen als Regisseur („Der Pate I + II”) und Produzent („American Grafitti”), nach 5 Oscars und einer goldenen Palme (die zweite sollte er einen Monat später für „Apocalypse Now” bekommen), und ausgestattet mit einem großem Vermögen, hatte er den Mut (oder die Frechheit, wie viele meinten), nichts weniger als das Ende des klassischen Produktionsweise zu verkünden: „Wir stehen am Beginn von etwas, was die industrielle Revolution daneben wie einen kleinen provinziellen Testlauf aussehen lassen wird... Ich sehe eine Revolution der Kommunikation... in der es um Filme, Kunst und um Musik gehen wird, um digitale Elektronik und Satelliten, aber vor allem um menschliches Talent - und das wird die Meister des Kinos, von denen wir dieses Geschäft geerbt haben, an Dinge glauben lassen, die sie bis dahin für unmöglich gehalten haben.” Nur kurze Zeit später liess er seinen Worten Taten folgen. Am 25. März 1980 erwarb er die Hollywood General Studios in L.A. für 6,7 Mio. $, taufte sie „American Zoetrope Studios” und investierte weitere 5 Mio $ seines eigenen Geldes, um daraus das „modernste Studio der Welt” zu machen, von dem aus die Idee eines „Electronic Cinema” seinen Siegeszug hätte beginnen sollen. Coppola wollte nicht länger nur Regisseur sein; als Studioboss, Visionär und Erfinder wollte er die Art und Weise, wie Filme gemacht werden, grundlegend verändern. Was ihn trieb war jedoch nicht so sehr Größenwahn oder Ruhmsucht, als die Hoffnung auf Erneuerung und Befreiung durch die Technik. Er, der mit „Apocalypse Now” alle Widrigkeiten des Filmemachens „on location” am eigenen Leib erfahren musste, wo er mit Stürmen, Unfällen, Krankheiten und einem explodierendem Budget zu kämpfen hatte, träumte jetzt den Traum der Kontrolle.
PARALLEL FILM
NOTIZBUCH CHRISTOPH HOCHHÄUSLER
19 Mai, 2013
18 Mai, 2013
Tausend Augen
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| Ein Bild aus Fritz Langs DIE 1000 AUGEN DES DR. MABUSE (D 1960). |
Mit dem Aufkommen von DVD und Netzvideos sind wir alle zu Röntgen-Ärzten des Kinos geworden. Wir haben den Durchblick, sehen den Schatten auf der Lunge. Das Bild dominiert uns nicht mehr, es ist kleiner als wir. Wir können es angreifen. Vor, zurück. Schneller, langsamer. Wiederholung, Überwachung. „Bildschirmfüllend” oder kleiner. Auf Youtube gibt es die Möglichkeit der Vorschau. Während man die eine Szene sieht, kann man prüfen, ob man die nächste sehen will. Wir warten auf die Bilder, die wir aus dem Trailer (oder der Videokritik) kennen. Wenn sie kommen, haken wir sie ab. Oft fühlen sind die Trailer-Höhepunkte verbraucht an. Wir haben fest im Blick, wie lange der Film noch dauern wird. Die Untertitel informieren uns – zu früh – darüber, dass er sie liebt und sie einen Anderen. Die Schauspieler spielen gegen das Libretto an, das wir mitlesen, mitsingen können. Aus der Tonebene wird Information. „Ah, jetzt setzt romantische Musik ein.” Wir hören den Film leise, weil die Freundin nebenan einen anderen Film sieht. Dann ruft jemand an. Gegen Ende des Films entwickelt sich eine Art Wettlauf zwischen Fortschritt des Balkens und der unvermeidlichen Auflösung. Oft denke ich: wie wollen sie in den paar Minuten noch zu einem guten Ende kommen. Und werde ungeduldig. Mein Bildschirm zwingt mich auch noch, mir selbst beim Sehen zu zusehen, in der Spiegelung.
Ich kann mich nicht daran gewöhnen, das Erlebnis mit Analyse zu beschneiden. Und doch sehe ich viele Filme auf diese Weise. Ich kaufe mir Filme, will sie besitzen. Und weil sie geduldig im Regal stehen, höre ich mir dann doch den einen oder anderen Audio-Kommentar an. Und lasse zu, dass sich mein Eindruck mit Informationen anreichert, die mich nichts angehen. Oder ich sehe mir das verlogene Making-of an. Ist der Film neu, machen alle Werbung. Ist der Film älter, will niemand dem kanonischen Glück widersprechen. Gelegentlich profitiert der Filmemacher in mir (weil er etwas lernen kann), auf Kosten des Zuschauers.
Man müsste wieder zurück. Ins Kino. Wo die Bilder Schicksal spielen. Aber die Werkzeuge der Distanzierung sind verführerisch. Oft weiss ich nach der „Lektüre” einer DVD, dass mir der Film gefallen würde, wenn ich ihn „richtig” sehen würde. Manchmal sehe ich mir im Kino an, was ich auf DVD gut fand, kann aber nicht vergessen, was ich schon weiss. Das Bild ist kontaminiert mit Interpretation.
Manche Kollegen, scheint mir, inszenieren schon im Hinblick auf den Audio-Kommentar. Der Schauspieler fragt den Regisseur: „Wie war ich?”, der Regisseur stellt dem Making-of Team die gleiche Frage. Zirkuläre Unterhaltung: der Film als Material für das Infotainment, das sich um den Film dreht. Über viele Filme lässt sich reden, ohne sie zu sehen. Die Produktionsgeschichte, Wirtschaftskrimi und Künstlerdrama, ist komplexer als die Handlung. Eine Meta-Falle, mit fliessenden Übergängen zum Klatsch.
Es entsteht das Gefühl einer gewissen Enge.
12 Mai, 2013
Kurz vor knapp
Die ARD zeigt heute, Sonntag (12.05.2013) um 23.35 h meinen Film UNTER DIR DIE STADT.
Wiederholungen:
EinsFestival, 13. Mai 2013, 20:15 Uhr
EinsFestival, 13. Mai 2013, 23:35 Uhr
EinsFestival, 18. Mai 2013, 21:45 Uhr
Wiederholungen:
EinsFestival, 13. Mai 2013, 20:15 Uhr
EinsFestival, 13. Mai 2013, 23:35 Uhr
EinsFestival, 18. Mai 2013, 21:45 Uhr
05 Mai, 2013
Studienjahre
Wir würden im Kino erwartet, hatte es geheissen und da sassen wir nun, ein bisschen unschlüssig zwischen geheimnisvoll-tun und „was willst du so machen”-small talk. Dann kam der Präsident, ein völlig leerer Titel, wie wir später erfahren sollten, und nahm uns in Empfang. „Sie haben einen der teuersten Studienplätze Deutschlands”, war einer seiner ersten Sätze, und dass nur „Kampfflieger” aufwändiger ausgebildet würden. Wir sollten uns dieser Investition des Staates, dem „geschenkten Vertrauen”, würdig erweisen. Irgendwie waren wir also Kadetten, dachte ich – und freute mich auf den Krieg.
01 Mai, 2013
Das Gesicht
Ich habe kürzlich ein Buch von Denis Johnson gelesen, TRAIN DREAMS, und hatte 98 Seiten lang wirklich viel Spaß daran. Dann habe ich den hinteren Teil des Umschlags als Einmerker benutzt – und plötzlich stach mir das Portrait des Autors ins Auge, das dummerweise dort abgedruckt ist. Es klingt lächerlich, aber zu wissen wie der Mann aussieht hat meine Lesefreude deutlich gemindert. Nicht weil sein Gesicht in irgendeiner Weise bemerkenswert wäre, aber weil ich nun bei jedem Satz an ihn denken musste, ohne eine Verbindung zum Text herstellen zu können. Das ist vielleicht auch das Problem des Kinos seit der Nouvelle Vague: dass die Regisseure ein Gesicht bekommen haben. Es ist nicht mehr einfach „das Kino”, das spricht.
Konfektion
Die Arbeit der Kritik kommt mir oft wie das Bekleiden eines nackten Körpers vor. Dem Kunstwerk muss in den „Mantel” des Begriffes geholfen werden. Schnitt, Stoff und Farbe der Kleider / Wörter müssen „sitzen”, aber auch Spiel lassen für unverhoffte Bewegungen / Erkenntnisse. Was verhüllt wird, was entblösst, was Andeutung bleibt, was explizit wird, welche Unzulänglichkeiten kaschiert, welche betont werden: all das ist Produkt einer komplexen Vermittlung zwischen „Wesen” und Öffentlichkeit. Wie in der Mode aber ist die Konfektion zur Regel geworden ...
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Filmkritik,
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30 April, 2013
Gemischte Gefühle
Mein Weg zum Film war nicht unbedingt vorgezeichnet. Ich bin ohne Fernsehen aufgewachsen, Kinobesuche waren kein üblicher Zeitvertreib, meine vier Geschwister und ich wurden in der Überzeugung erzogen, dass Filme zu sehen Zeitverschwendung, mehr noch: Zeit- „Totschlagen” sei. Es wurden bei uns oft und gerne Geschichten erzählt, es wurde gesungen, am Küchentisch gab es Debatten über Theologie und Politik: Nicht die Fiktion, das „Untote” des Medienkonsums stand im Mittelpunkt der Kritik.
Meine Großmutter war der Meinung, ich sähe dem (ersten) Jungen aus LASSIE (USA 1954 - 72) ähnlich, was ich als Beleidigung empfand. Sein gut gelaunter Gehorsam war mir unerträglich. Aber sie hatte nicht ganz unrecht.
Erst später habe ich erfahren, dass mein Vater, die meiste Zeit seines Lebens Berufschullehrer, zuvor Handwerker in den verschiedensten Feldern, als unglücklicher, sich vom Vater verfolgt fühlender Jugendlicher wieder und wieder im Kino Zuflucht gesucht und gefunden hatte. Aber so sehr ihm damals der Trost des Kinos willkommen war, so sehr verband sich das Medium für ihn mit den Defiziten seines Lebens. Das Kino war ihm eine „Bedürfnisanstalt”, für die er in der Fülle des Lebens, in der er seine Kinder wähnte, keinen Sinn sah.
Lieblingsfilm meiner Großmutter war SISSI „Schicksalsjahre einer Kaiserin” (D 1957). Den Moment, in dem sie die Herzen der Venezianer gewinnt, weil sie kinderlieb ist („Viva la mama.”) – habe ich auch als Gefühlsrausch erlebt.
Ich hätte ihm damals recht gegeben, wie ich überhaupt unser Anders-sein als eine Art Auszeichnung empfand, eine Einschätzung, die im Pausenhof, schon damals beherrscht von Medienthemen („hast du ... gesehen”), wieder und wieder verteidigt werden musste. Das Gefühl, Opposition zu sein, gehört zu den Konstanten meines Lebens. Nicht, dass nicht auch Leid damit verbunden gewesen wäre, aber alles in allem war ich einverstanden, Beobachter zu sein, nicht „Mitte”.
Nach dem Skifahren sahen sich die großen Geschwister im Ferienhaus WEM DIE STUNDE SCHLÄGT (USA 1943) an. Ich musste vor dem Ende ins Bett. „Stirbt Cary Cooper eigentlich?” frage ich mich heute noch manchmal. Die Erinnerung vergrößert.
Ich war siebzehn, als ich von einem Freund, der mir auf ungesunde Art dem Kino verfallen schien – ganz in der Art der „Bedürfnisanstalt” meines Vaters – in die Filmgeschichte eingeführt wurde, übrigens nicht durch den Seiteneingang der Cinephilie, sondern durchs „Hauptportal” amerikanischen Mainstreams: mein Freund suchte im Kino den Suggestionsrausch, die Ermächtigung, entsprechend war sein Pantheon bevölkert von Cameron, Lucas, Spielberg, Coppola, Lynch. Viele Filme hatte er in seiner für damalige technische Möglichkeiten sehr raffinierten Heimkinoanlage (mit einem Drei-Röhren-Beamer) verfügbar, aber das erschien mir damals als dürftiger Ersatz.
Einmal, ich muss zwölf gewesen sein, nahm mich mein Vater in die Moroder-Version von Fritz Langs METROPOLIS (D 1927 / 1984). Ich glaube, er wollte mir einen „Klassiker” zeigen. Den Schichtwechsel – wie die Arbeiter rhythmisch in den Tunnel ein- bzw ausrücken – werde ich nie vergessen.
Ich habe also alles Verfügbare im Kino gesehen, zunächst in München, nach dem Abitur (1992) dann in Berlin. Allein in der fremden Stadt, „hungrig nach Sinn”, mit einem (vergleichsweise) überwältigend großen Kinoprogramm, gab es wenig konkurrierende Vergnügungen für mich.
Bei meiner Tante haben wir als Teenager ein paar Mal KNIGHT RIDER (USA 1982-86) gesehen und uns nachher wirklich sehr geschämt. An die Scham erinnere ich mich viel stärker als an das sprechende Auto.
1996 begann ich Film zu studieren, zurück in München, die Ära DVD hatte bereits begonnen. Anders als bei meinen Kommilitonen war meine Kinoliebe ziemlich frisch, das Kino war zum zentralen Ritual meines jungen Lebens geworden. Mein Ernst störte unter Leuten, für die das Medium so alltäglich war wie fliessend Wasser – und denen es eher darum zu gehen schien, „beim Film” zu sein, als Filme zu sehen oder zu machen.
Mit meiner Schwester S. war ich ein halbes Dutzend mal in DIRTY DANCING (USA 1987). Wir haben uns beide mit dem Mädchen identifiziert.
Die stärkste Triebfeder, Filme zu machen, waren nicht so sehr die Filme, die ich gesehen hatte als der Wunsch, Filme zu machen, die es noch nicht gab. Die ich noch sehen wollte. „Ich bin des Hungers wegen Koch geworden.”
Mit meinem älteren Bruder W. war ich bestimmt zehn mal in IM RAUSCH DER TIEFE (F 1988). Damals liefen Erfolgsfilme oft monatelang. Am meisten beeindruckt hat mich, dass das Herz des Helden „unmenschlich langsam” schlägt, wie ein Arzt im Film erstaunt anmerkt.
Meine Eltern haben sich, kaum waren wir Kinder aus dem Haus, einen Fernseher gekauft. Das habe ich als Verrat empfunden, damals.
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Erinnerung,
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14 April, 2013
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