17 November, 2017

Zu hoch

„Du trägst den Kopf zu hoch”, hat mir einmal, da war ich vielleicht fünfzehn, meine Tante vom Fenster aus zugerufen. Aus dem ersten Stock! Meine Mutter sprach manches Gebet, um meine „Arroganz“ zu lindern. Auch später habe ich oft erlebt, dass Autoritäten versucht waren, meinen Stolz zu brechen. Aber mit der Zeit entwickelt man Abwehrreflexe. Oder wird milder. Vielleicht haben auch die Gebete gewirkt. Oder war es der Bauch, der meine Bedrohlichkeit gerundet hat? So oder so, ich empfehle Schokolade.

Unter dem Tisch

Bevor ich Film zu studieren begann, heuerte ich als Praktikant an bei einer großen Münchener Filmfirma. Vom ersten Tag an wurde ich an der Rezeption eingesetzt und hatte mich bald damit abgefunden, dass die Versprechungen, was ich alles würde lernen können an diesem „Knotenpunkt der deutschen Filmindustrie”, leer waren. 

Eines Tages rief der Chef an und orderte mich in sein Büro. Es war nicht der kleinliche Abteilungsleiter, mit dem ich sonst zu tun hatte, sondern der großspurige, mindestens so unbeliebte Chef der Gruppe, der einen Sportwagen fuhr und den man ab und an schreien hörte, obwohl sein Büro im gegenüberliegenden Flügel lag. 

Er lehnte am Fensterbrett (krebsrote Haut, leger geöffnetes Hemd) und eröffnete mir, dass er wünsche, dass ich sein Büro saubermache. Ich sagte ihm, dass das nicht zu meinen Aufgaben gehöre. Statt einen plausiblen Grund zu präsentieren eskalierte er unverzüglich: wenn ich mich weigere könne ich das Praktikum gleich in diesem Moment beenden, brüllte er. 

Widerstrebend holte ich den Staubsauger aus der Kammer und begann zu saugen. Und dann wurde es seltsam. Er setzte sich auf den Schreibtisch und dirigierte mich. Dort sei noch ein Fusselchen, und hier... ob ich zu blöd sei, das zu sehen. „Hier, unter dem Schreibtisch…” Ich wusste nicht recht, wie ich die Sache aufzufassen hätte – und kroch unter den Tisch. Und er – machte weiter. 

Sah er mir auf den Hintern? Möglich. Da ich aber nun schon einmal die Dummheit begangen hatte, auf Knien vor ihm herzurutschen, suchte ich meine Ehrenrettung darin, mir die Wut über die Erniedrigung nicht anmerken zu lassen – und tat also, als sei das alles nichts, fragte sogar, ob er noch andere Staubkörner für mich ausgemacht hätte. Diese gespielte Nonchalance schien ihn zu ärgern, denn er intensivierte die Gemeinheiten. Einem Assistenten gegenüber, der Unterlagen brachte, machte er sich lustig über mein Ungeschick, meine Dummheit. Die beiden Herren versuchten sich mit blöden „Anweisungen” zu unterbieten. 

Vielleicht nicht untypisch für Erfahrungen dieser Art ist die Tatsache, dass ich mich an kein Ende erinnere. Kein mutiges „Es reicht jetzt” von meiner Seite. Ich war in erster Linie überrumpelt, beschämt auch von meinem Mangel an Widerstand. Und nein, es kam zu keinen Berührungen. Vielleicht war das Ganze nichts als die Rache* des cholerischen Alkoholikers, der er war, ganz sicher aber erregte ihn die Grenzüberschreitung, das Ausagieren seiner Macht.

Ich musste oft an diese kleine Misshandlung denken in den letzten Wochen. Wäre der Mann sexuell handgreiflich geworden, hätte ich mich zur Wehr gesetzt? Ich hoffe es. An körperlicher Kraft fehlte es mir nicht. Aber was mich diese Erfahrung vor allem gelehrt hat ist, dass Situationen des Missbrauchs so „gut” funktionieren, weil sich viele Opfer selbst neutralisieren. Die Scham wendet sich gegen dich. Ich jedenfalls habe mich – und mit wachsender Dauer der Überschreitung umso mehr – selbst beschuldigt, falsch auf die Situation reagiert zu haben. Was wäre geschehen, wenn ich nach der Brüllattacke einfach gegangen wäre? Oder, mindestens, nicht unter den Tisch gekrochen wäre? Nichts, höchstwahrscheinlich. Warum habe ich es dann doch getan? Genau: Das ist die falsche Frage. 

*
(als er mich Tage zuvor beauftragt hatte, eine gigantische Monatsration Gin zu kaufen, waren meine Rückfragen eindeutig missbilligend gewesen)

24 Oktober, 2017

Serial Germany

Julia Jentsch in Hans-Christian Schmids DAS VERSCHWINDEN (2017).

Unter dem Eindruck des viel beschworenen „goldenen Zeitalters” im US-Bezahlfernsehen wird die notwendige Erneuerung der deutschen Serie seit Jahren thematisiert. Heute, sieben Jahre nach Dominik Grafs Meilenstein IM ANGESICHT DES VERBRECHENS (2010), der noch auf einer dezidiert europäischen Perspektive fusste, ist eine neue Generation Deutscher Serienmacher am Werk, die sich mit wenigen Ausnahmen auf Amerikanische Vorbilder und Standards bezieht. Privat-, Bezahlsender und Streamingdienste spielen dabei inzwischen auch in Deutschland eine wichtige Rolle. Womöglich ein guter Zeitpunkt, diese neue Serienkonjunktur genauer zu befragen. 

In einem langen Wochenende des horizontalen Erzählens möchten wir (die DFFB in enger Zusammenarbeit mit Serial Eyes) mit einigen Akteuren aktueller Produktionen ins Gespräch kommen. Im Mittelpunkt stehen Fragen nach den Produktionsbedingungen, nach der Rolle des „amerikanischen Modells”, aber auch danach, was serielles Erzählen heute ästhetisch und gesellschaftlich bedeutet. 

Als Gäste erwarten wir u.a. Uli Hanisch (BABYLON BERLIN, 2017), Hans-Christian Schmid & Julia Jentsch (DAS VERSCHWINDEN 2017), Hanno Hackfort, Richard Kropf, Bob Konrad (4 BLOCKS, 2017), Christian Schwochow & Oliver Kienle, Jana Burbach, Jan Galli (BAD BANKS, 2017), Jan Bonny & Alex Wissel (ÜBER BARBAROSSAPLATZ, 2016, RHEINGOLD, 2017). Neben den Diskussionen – einige werde ich moderieren – die jeweils verschiedene Schwerpunkte haben, werden wir jeweils 1-2 Episoden oder Ausschnitte zeigen. Die Mehrzahl der Veranstaltungen findet auf Englisch statt. Der Eintritt ist frei.

10.-12.11.2017
Arsenal Kino Berlin &
Kinemathek 4. Stock
Potsdamer Straße 2
10785 Berlin


20 Oktober, 2017

Midas

Im Flugzeug sitze ich schräg hinter einem Mann, der MINDHUNTER sieht. Kein Ton für mich, keine Titel. Überdeutlich dennoch, dass David Fincher am Werk ist. Weil alles abgekartet ist. Fincher uniformiert die Welt nicht, weil er sie als uniform empfindet oder auf Unterschiede aus wäre – er will das Chaos besiegen. Vor seiner Kadrage sind alle gleich. Seine Mise-en-Scène hat den Midas-touch. Alles wird ... zum Gegenstand. Sein Thema ist aber nicht das Lied in den Dingen, sondern das Stillegen, Abtöten, das Leblose. Die Tatsache, dass die Serie in der Vergangenheit spielt, begünstigt diesen Klassizismus noch. Die Möblierung ist rhetorisch, die Farbpalette eng. Aber Minimalismus ist es nicht. Finchers Versmaß ist totalitär: Ordnung vor Wahrheit. Besonders schmerzhaft zeigt sich diese Tendenz in der Besetzung: die wohltemperierten Gesichter und Körper stehen eigenschaftslos für das „Wir”, die Wenigen vom Leben Gezeichneten, Deformierten – das sind die Anderen. Ich will, dass der Mann das Programm wechselt.

13 Oktober, 2017

Gespräch mit Roland Klick

BÜBCHEN (Roland Klick, 1968)

Zu meiner Freude feiert der Regieverband den Regisseur Roland Klick (*1939) und verleiht ihm den „Metropolis”-Preis für sein Lebenswerk. Aus diesem Anlass darf ich mit Roland Klick über seine Arbeit sprechen, und zwar am Sonntag, den 5.11.2017, um 13 h, im „Roten Kino 1” der HFF München, wo auch die Werkschau seiner Filme stattfindet. Vielleicht sieht man sich.

Nachtrag: Doris Dörries schöne Laudatio auf Klick kann man hier nachlesen.

Roland Klick (unbewaffnet) bei der Arbeit an SUPERMARKT, ca. 1973.
Mario Adorf in DEADLOCK (Roland Klick, 1970)

22 September, 2017

'Lügen' in Paris

Das Goethe Institut Paris ehrt den Kameramann Reinhold Vorschneider mit einer kleinen Auswahl von Filmen und zeigt aus diesem Anlass auch unsere letzte Zusammenarbeit DIE LÜGEN DER SIEGER (2014), und zwar am 7. Oktober 2017, 13.30 h, im Cinéma L'Arlequin. Reinhold wird den Film persönlich vorstellen. Das ganze Programm findet sich hier.


16 September, 2017

Doppelprogramm



Noch bis Oktober sind Christian Petzolds DIE INNERE SICHERHEIT (D 2001) und mein dritter Spielfilm UNTER DIR DIE STADT (D 2010) auf Mubi.com zu sehen. Aus diesem Anlass hat Michael Pattison einen schönen vergleichenden Text geschrieben, und Patrick Holzapfel hat ein - wie ich finde - sehr interessantes Gespräch mit Christian und mir geführt. 

Und weil es zum Thema passt: Marco Abel, Jaimey Fisher und andere haben auf Senses of Cinema einen interessanten Petzold-Schwerpunkt zusammengestellt, in dem auch mein Portrait, das für die Zeitschrift Ray entstanden war, Berücksichtigung gefunden hat (Englische Übersetzung: Marco Abel).

Im Bild: Julia Hummer in DIE INNERE SICHERHEIT (oben), Nicolette Krebitz in UNTER DIR DIE STADT (unten).

12 September, 2017

A Field Guide to the Snowden Files

Gestern (11.09.2017) haben Magdalena Taube, Krystian Woznicki und ich das Buch A FIELD GUIDE TO THE SNOWDEN FILES vorgestellt. Das Projekt, für das ich das Vorwort schreiben durfte, möchte künstlerische (und archivarische) Projekte vorstellen, die sich direkt auf die Snowden Files beziehen und den folgenreichen NSA Leak gewissermassen zum Rohmaterial einer künstlerisch-politischen Praxis machen. 

Seit heute sind die Arbeiten von Zeljko Blace, Andrew Clement, Naomi Colvin, Simon Denny, Evan Light, Geert Lovink, M.C. McGrath, Henrik Moltke, Deborah Natsios, Julian Oliver, Trevor Paglen, Laura Poitras, SAZAE bot, Stefan Tiron, University of the Phoenix, Maria Xynou  und John Young auch in einer Ausstellung im Diamond Paper Studio zu sehen (Köpenicker Straße 96, 10179 Berlin, 12.-26.09.2017).

Die folgende Vorrede ( Vorwort) habe ich gestern in der Buchhandlung König vorgetragen.



DAS VORZEICHEN


Im Theater.
Unsere Geduld wird strapaziert. 
Vorhang Vorhang Vorhang.
Ein Mann kommt auf die Bühne.
Er sagt, die Hauptdarstellerin hätte einen Unfall gehabt, 
sei mit dem Fahrrad gestürzt
und hätte sich das Knie verletzt.
Sie werde spielen, aber man möge ihr verzeihen, 
wenn sie gewissermassen knieschonend spielte.
Dann öffnet sich der Vorhang und die Aufführung beginnt.

Vermutlich ist die Inszenierung nicht anders als sonst,
aber durch das Vorzeichen 
spielt das Knie eine Hauptrolle.
Sobald die Schauspielerin ihr Knie beugt
sind wir in heller Aufregung.

Das nur als Beispiel dafür, 
dass jedes Wahrnehmen 
von Vorzeichen, Vorwissen, Erwartungen geprägt wird
und ein neues Vorzeichen unter Umständen 
die gleiche Handlung in ihrer Bedeutung auf den Kopf stellt,
uns neu sehen lernt.

Auch Snowdens „Vorzeichen” hat unseren Blick auf die Aufführung verändert,
so dass wir beim Anblick der Spieler heute die Hinterbühne mitdenken.

Jeder Vergleich hinkt
wie die Schauspielerin mit dem verletzten Knie
(oder haben wir uns ihr Hinken eingebildet?)
aber die Tatsache, dass wir mehr als vier Jahre später
noch immer an Snowden denken

wenn wir eine Email schreiben
oder den Aufkleber über der kleinen Kamera am Laptop abpulen
oder uns ein neues Passwort ausdenken 
(mit Sonderzeichen oder ohne?) 
oder ein Wort im Text von der Autokorrektur unterstrichen oder ersetzt wird
oder hören, dass am Südkreuz eine Gesichtserkennungssoftware getestet wird 
und Aktivisten Masken tragen, um den Computer zu foppen

zeigt mir, dass Snowden einen Unterschied gemacht hat.

Er hat unsere Gegenwart in ein Zwielicht setzt, das unser Verhältnis zur Maschine
neu beleuchtet, es vielleicht auch hat reifen lassen.

„Die allgemeine Akzeptanz von Verschlüsselungstechnik” habe Snowden 
„um sieben Jahre beschleunigt”, 
meinte der ehemalige Geheimdienstdirektor James Clapper 
– für Snowden ein Beweis für seine Wirkung 
(ob es sich gelohnt hätte, fragen die Journalisten in einem aktuellen Interview).

Sieben Jahre –
so ein Zahlensieg ist in der Kunst rar,
aber ich glaube, das Buch zeigt, wie sich der Schock der Erkenntnis eingetragen hat
in den Spiegel der Gegenwart, der gute Kunst immer ist 
– als ein Riss, der das alte Bild bedroht.